N. Banik

Bis auf den Grund

Ich sehe einen Teich:
Du
Stehst neben mir,
Wirfst Steine ins Wasser
– Gedankenverloren -,
Während ich versuche,
Unsere Spiegelbilder zu erkennen.

Das erwartungsgemäße Klatschen beim Aufprall auf die Wasseroberfläche bleibt aus und lässt Raum für ein sattes Plumpsen, als ich zwischen zwei kleinen Vormittagswindwellen in die See tauche, anstatt über sie hinweg zu springen. Falsche Handhabung, fehlerhafte Form, Mangel an Konzentration: viele kleine unmerkliche Fehler lassen mich einer unachtsam nachlässigen Hand entgleiten und untergehen. Winzige hilflose Luftbläschen verkletten sich an meiner rauen Oberfläche und zappeln um Freiheit, aber meine Schwere zieht mich und meinen Luftkranz auf den sandigen Grund. Langsam kullere ich dort um Fischaugen herum, Algenarme streifen mich, und tiefsattes Blau lässt nur der lang ersehnten Stille widerwillig noch ein wenig Raum neben sich, als ich auf sandiger Ebene zur Ruhe komme. Auf der anderen Seite des blauen Vorhangs sind, für eine Weile nur, suchende Blicke zu erkennen, dann verschwinden auch sie (von einer zierlichen Hand fortgezogen) und ich gebe die letzten Luftblasen dankbar frei – ein kleiner Gruß an das andere Element.

Langsam gewöhne ich mich an den dunstigen Schleier um mich herum, bekomme ein wenig Klarheit in ihn. Zwischen Liegen und Kullern werde ich ab und an von einem Paar Fischaugen aufgefangen, manchmal streifen mich Flossen. Proportionen verschwimmen, Zeit und Raum verlieren jegliche Relation zueinander innerhalb meiner zweitönigen Existenz. Erinnerungen schwinden, ohne Lücken in meinem Bewusstsein zu hinterlassen, wohlklingendes blaues Rauschen und Säuseln umgibt mich, Strudel spielen miteinander an meiner Oberfläche, bevor sie kichernd und glucksend weiter ziehen auf ihrer rastlosen Suche nach neuen Spielplätzen. Ich aber bleibe.

Einmal springt schrill tönendes Glas durch den Vorhang, stößt sich an mir und fällt zerbrochen an meine Seite. Noch immer wimmernd lässt es seine Reflexe schon bald den blauen Schleier durchschneiden, beißt sich durch den Dunst der Tiefe und buhlt bunt mit den silbern schillernden Schuppen der vorbeiziehenden Bitterlinge (Sie kümmern sich nicht um die farbigen Blitze.): Spiegeln – mehr hat es nicht gelernt auf der anderen Seite. Nichts sein außer Reflexion des Einfallenden. Der blaue Dunst lässt ihm wenig Ausbeute: Flossen, Scheren, Muscheln, Sand und Meinesgleichen. Reglos und stumm, immer wieder von Nebeln verhangen und Rauschen übertönt, versucht es gegen alle Widrigkeiten trotzend, seine ihm zuerkannte Funktion auszuüben und scheitert. Ich könnte Mitleid haben, aber als ich mich dazu entschließe, ist der Buhler bereits unwiderruflich unter einem Algenteppich verschwunden: Ich schenke ihm eine Minute und genieße die neuerliche Ruhe.

Ein Algenarm schmiegt sich wohlig an meine nun glatte Schwärze, umschmeichelt den matten Glanz meiner Oberfläche und zieht säuselnd an mir vorüber. Mit der Zeit verlieren sich meine kantigen Konturen im sandigen Umfeld meiner neuen Gegenwart, schon lang zerreiß ich dem Seegras nicht mehr seine schlanken tastenden Finger. Auch die Strudel sind zurückhaltender geworden, gleiten sanft über mich hinweg oder grüßen von weitem. Manchmal begegnen mir noch Fischaugen, bleiben neugierig stehen und finden sich unverständlich in mir. Aber ich scheue sie nicht mehr und werfe ihnen die offenen Mäuler zurück in ihre große Sprachlosigkeit. Stumpf wie gekommen ziehen sie weiter, tragen ihr Bild halbseitig auf einer Flosse mit sich und verstehen doch nicht.

Nur ich bleibe, liege immer in meiner Gegenwart, lasse vorbei ziehen und sehe nach. Von meiner sandigen Ebene zwischen tastenden Seegrasfingern, streifenden Algenarmen und glucksenden Strudeln blicke ich ab und an hinauf, meinem längst verjährten Luftkranz nach. Dann und wann hellt sich das Blau auf, wenn der Vorhang sich einmal öffnet; und ein großer Strudel wird mir folgen, wenn viele kleine unmerkliche Bewegungen mich in eine achtsam nach glattem Schwarz tastende Hand gleiten lassen. Es werden sich winzige hilflose Wassertropfen an meine Oberfläche heften und um Freiheit zappeln, aber meine Leichtigkeit wird mich und meinen Wasserkranz handlich nach oben heben lassen. Dort werde ich glänzend und geschliffen unter einem Himmelblau auf sandigem Grund liegen und erst, wenn die zuvor noch suchenden Blicke konzentriert auf meiner glatten Oberfläche ruhen, gebe ich die letzten glänzenden Tropfen dankbar frei – ein kleiner Gruß an das andere Element.