Lyrik

Neues Kleid

Weck mich in einem neuen Kleid.

Lass die Welt wie sie ist

Und mich auch.

Schenk mir

Kein neues Leben

Gib mir nur

Neue Kleider. So bin ich

Ganz die Selbe zwar,

Doch erkennt mich keiner.

Erzählungen, Prosa

Bauchgefühle (oder: Das Dorf)

Hinter einem Erdwall schaut das bis auf den Schädel zurückgezogene Gesicht eines Libers mit frei liegenden, starren Augäpfeln hervor. Amita schüttelt sich angewidert und grinst ihm höhnisch zu, bevor sie mit wenigen Sprüngen über die kippelnden Felsbrocken durch den Bach an das gegenüberliegende Ufer hoppst. Der Liber lässt den Kopf enttäuscht fallen, vergisst sofort, was gewesen ist, und kriecht durch den Schlamm weiter auf der Suche nach irgendetwas. Niemand im Dorf weiß, wonach Liber suchen.

Amita hat vor den Libern keine Angst. Sie hat überhaupt niemals Angst. Seit sie bei ihrer Geburt wegen des schweren Erdbebens, das beinahe ihr gesamtes Dorf zerstörte, nicht dem Heiligen Angsteinflößer, kurz Aef, zum Geburtsschrei hingehalten werden konnte wie alle anderen – vernünftigen, normalen – Kinder des Sumpflandes, hat Amita keine Angst. Das ist simpel und hat ihr beinahe täglich das Leben erschwert und sie zum Außenseiter gemacht. Man hat in der Dorfrunde unendlich viele Diskussionen darüber geführt, ob Amita dem Heiligen Aef noch nachträglich gezeigt werden sollte. Die Meinungen darüber, ob das dann aber auch den erwünschten Sinn habe, gingen allerdings so weit auseinander, dass man begann darüber zu streiten, wer diese Tradition für Neugeborene eigentlich ins Leben gerufen hatte, und warum und wann und wofür überhaupt. Die an den Versammlungen hierfür beteiligten Dorfmitglieder hatten sich bis auf’s Blut gezankt. Niemand konnte irgendetwas nachweisen, keiner war alt genug um sich an eine Zeit vor der Aef-Tradition zu erinnern, und geschrieben stand darüber selbstverständlich auch nichts, weil es im Sumpfland verboten war, Regeln, die etwas mit Angst zu tun haben, aufzuschreiben. Natürlich weiß auch hierbei niemand, warum und seit wann das so ist. Es hat ja keiner aufgeschrieben.

Amita hat sich darum in ihren bisherigen acht Lebensjahren nicht geschert. Sie weiß, dass die Zweiteilung des Dorfes, die eine notwendige Konsequenz aus dem Regel-Streit gewesen ist, ihr zulasten gelegt wird, aber es kümmert sie nicht. Denn trotzdem ihre Mutter eine vernünftige und sittsame Dorfbewohnerin ist, hat sie Amita immer wieder dazu angehalten, nicht allzuviel auf das Gerede der Leute zu geben. Dabei hat Amita in den Augen ihrer Mutter oft genug deren eigene Angst vor diesem seltsam furchtlosen Kind gesehen und sich dabei nicht weniger ausgestoßen gefühlt als unter den verachtenden Blicken der anderen Menschen.

Nun soll damit endlich Schluss sein. Nie wieder will sie sich so ansehen lassen, nie wieder sich schämen müssen für das, was sie fühlt. Amita rennt weiter im Zickzack zwischen den faulenden Baumstümpfen und blubbernden Faultümpeln hindurch und gerät dabei kaum außer Atem. Sie ist in Übung. Ihre Wut und ihre Verzweiflung hat sie sich oft hier draußen von der Seele gerannt, indem sie so tat, als würde sie das Sumpfland verlassen und fliehen. Nun bleibt sie kurz stehen und verschafft sich einen Überblick über die Lage. Sie dürfte inzwischen außer Hörweite des Dorfes sein und sie muss sich keine Gedanken machen, dass sich auch nur ein einziger der Dorfbewohner hier heraus trauen würde. Schon gar nicht jetzt, vor dem vierteljährlichen Massakfest. Amita schaudert es bei dem bloßen Gedanken an die Feiertagsprozedur und die in Angststarre auf dem Mittelplatz stehende Dorfbevölkerung.

Ein bisschen muss das Mädchen grinsen, als es sich vorstellt, wie das Dorfoberhaupt wütend und angstverzerrt zugleich am Dorfrand steht, unfähig, auch nur irgendetwas gegen Amitas Fortlaufen zu unternehmen. Noch nie hat sich jemand so weit und freiwilllig aus dem Dorf heraus getraut. Aber es gab auch noch nie jemanden wie Amita, ohne Furcht.

Sie setzt sich auf einen Felsbrocken und wühlt nachdenklich mit ihren Stiefelspitzen im pampigen, feuchten Moos. Schräg vor ihr knistert es. Ein Hase mit einem halb abgerissenen Löffel und blutiger Blume springt hinter einem Baumstumpf hervor und schaut sie an. Er bleckt kurz die Zähne, schnuppert, und hoppelt weiter. Amita seufzt. Wieso ist nur alles so in diesem Land? Und kann das überhaupt jemand wissen, dass alles so ist, wenn nie jemand den Mut aufbrachte das Dorf weiter als bis auf fünfundzwanzig Armlängen zu verlassen? Schon immer hat Amita gefühlt, dass es weiter draußen etwas Anderes geben muss. Etwas, das nicht unbedingt dazu führt, sich vor Angst die Haare zu raufen oder die Fingernägel in die aus Leder gefertigten Furchtriemen zu krallen.

Und sie hat dieses andere Etwas schon ein paar Mal beinahe gefunden. Manchmal erwischte der Dorfälteste sie dabei, wie sie mit einem nicht ganz so verwahrlosten Kaninchen oder Eichhörnchen am Dorfrand spielte. Im Dorf heißt es ganz allgemein, dass diese Tiere aufgrund einer Krankheit nicht ganz so angefressen und entstellt sind wie die anderen Tiere. Dass sie sich irgendwo weit weg mit etwas angesteckt haben. Amita hat nie daran geglaubt und sich zudem noch sonderbar hingezogen gefühlt zu allem, was nicht ganz dem verrotteten Alltag entsprach. Und heute morgen ist es dann passiert: Sie hat etwas empfunden, das ihr ein ähnlich lautes Geräusch wie einen Angstschrei entlocken wollte. Sie erinnerte sich, dass ihr als kleines Kind, wenn sie mit ihrer Mutter allein in der Hütte war, ähnliches passiert war. Und sie erinnerte sich an die Hand ihrer Mutter auf ihrem Mund und an die vor Schreck aufgerissenen Augen, mit denen sie gewartet hatte, ob jemand Amita gehört hatte und kommen würde. Aber es kam nie jemand. – Nicht nur deswegen konnte es sich bei diesem Gefühlsausbruch unmöglich um Angst handeln, obwohl es die Mundwinkel und den Bereich um die Augen ähnlich verzerrte, und es ein ziehendes Gefühl in der Magengegend auslöste. Und heute morgen hatte es ihr dann tatsächlich ein leichtes Glucksen entlockt. Sie hatte sich schnell, aber zu spät auf den Mund gefasst um weitere Geräusche zu unterdrücken. Aber unweit von ihr am Bach waren zwei Frauen, die gerade Wasser holten, bereits aufgeschreckt. In aller Panik liefen sie kreischend davon und meldeten es dem Ältesten.

Er kam sofort. Er forderte Amita vor ihrer Mutter und den beiden Frauen dazu auf, diesen bedrohlichen Gefühlsausbruch zu wiederholen, der nur eine Ansteckung mit der bekannten Krankheit bedeuten konnte. Aber es gelang ihr bei größter Anstrengung nicht, in Anwesenheit des brüllenden Ältesten und der vor Sorge wimmernden Mutter dieses Gefühl in sich zu finden. Der Älteste drohte ihr an, sie aus dem Dorf zu jagen, würde er nur ein einziges Mal noch ein solches Geräusch von Amita vernehmen. Sie hatte daraufhin trotzig beschlossen, das ganz allein zu erledigen und sich noch weiter vom Dorf zurückgezogen als jemals zuvor. So war sie immer weiter in die Sümpfe vorgedrungen ohne auch nur ein einziges Mal auf eines der berüchtigten Monster zu stoßen, die hier draußen überall in den stinkenden Moorwiesen wohnen sollten. Ihr war eingetrichtert worden, hier draußen sei man allein, ohne Nahrung und eine Möglichkeit des Unterschlupfes. Es hieß, hier draußen seien nur Ausgestoßene und man würde dann so verrückt werden wie sie. Amitas Flucht ist nun schon Stunden her. Und je weiter sie geht, desto weniger glaubt sie von dem, was sie in ihrem Dorf gelernt hat. Sie fühlt sich freier und leichter. Es ist fast so, als ließe sie die gesammelte Angst aller anderen hinter sich zurück und würde mit jedem Schritt dem ungewohnten, aufregenden Gefühl näher kommen, das sie am Vormittag verspürte.

Manchmal begegnen ihr noch vereinzelt die Gesichter. Im Dorf nennt man die entstellten Menschen so, weil der Anblick ihres entstellten Gesichtes ein solches Entsetzen hervorruft, dass es unmöglich ist, den Blick weiterwandern zu lassen und den Rest ihres Körpers anzusehen. Also nennt man sie schlicht Gesichter. Man erzählt sich, dass es sich dabei um Verirrte handelt, sogenannte Abtrünnige, die es gewagt haben eine Welt außerhalb des Sumpflandes zu suchen, und die in Folge der Berührung mit zu vielen verseuchten Pflanzen und Tieren außerhalb des Dorfschutzes erkrankten. Amita glaubte immer, dass das Unsinn ist. Zwar sprechen die Gesichter nicht, sondern geben nur angstvolles Wimmern von sich oder grauenhaftes böses Heulen und Zähnefletschen, aber sie selbst ist ja inzwischen schon oft genug hier draußen gewesen und hat kein bisschen begonnen sich in einen von ihnen zu verwandeln. Was die anderen sagen, kann also kaum wahr sein. Tatsächlich fällt Amita, als sie nach einer kurzen Pause weitergeht, etwas Anderes auf: Die Entstellungen der Gesichter, Tiere und Pflanzen scheinen immer weiter abzunehmen. Nur jeder dritte Hase ist blutig, bei den anderen muss Amita lange hinsehen, bevor sie sieht, dass die Tiere nicht ganz gesund sind. Fast kommt es ihr vor, als läge das an der immer größeren Entfernung zum Dorf.

Als sie bereits einige Stunden gelaufen, dann gegangen und zuletzt interessiert und staunend um sich blickend geschlendert ist, fällt Amita sogar auf, dass sie schon seit einiger Zeit nichts Fauliges mehr gerochen hat. Der Boden unter ihren Füßen ist fest und kein bisschen moorig. Auch die Bäume um sie herum haben nicht den üblichen graubraunen Blätterton. Sie sind aber auch nicht mit krankhaften grünen Flecken übersät so wie die Bäume auf dem Weg, der hinter ihr liegt, oder manche Sträucher in der Nähe des Dorfes. Diese Bäume hier glänzen mit grünen Blättern und riechen wie … etwas, das Amita noch nie in ihrem Leben gerochen hat. Auf dem Boden haben einige ebenfalls grüne Gräser seltsame bunte Auswüchse auf dicken Halmen. Als Amita sich herabbeugt um sie sich genauer anzusehen, zuckt sie erschrocken zurück vor einem süßlichen Geruch, dem die gewohnte Note der Verwesung fehlt. Das ist nicht unangenehm, ganz im Gegenteil. Amita geht weiter und tritt unter den Bäumen hervor. So etwas wie das hier hat sie noch nie gesehen. Überall sind grüne Pflanzen mit bunten Köpfen, die süßlich duften, und bunte Köpfe ohne Pflanzenhalme flattern unruhig um sie herum, als wären sie lebendig, und docken mit schwarzen Halmen an die Pflanzenköpfe an. Von weit her dringt ein seltsames Geräusch an Amitas Ohren, ähnlich dem, das sie früher als Kind manchmal aus Versehen machte und nicht machen durfte. Sie kann gegen die grelle Sonne, die sie nie zuvor ohne dunstigen Nebel als Schutz gesehen hat, kaum mehr erknennen als ein paar Bewegungen.

Ein Schatten löst sich daraus, kommt auf sie zu und wird immer größer. Amita kann sich zum ersten Mal in ihrem Leben vor Schreck nicht bewegen. Direkt vor ihr bleibt das Etwas stehen und ragt nun eine ganze Kopflänge über sie hinaus. „Wer bist du?“ fragt es mit der Stimme eines Jungen. Die Sonne wird von seinem Kopf verdeckt und Amita kann ihn nun erkennen. Er ist überhaupt nicht schmutzig, riecht nach gar nichts und steht kerzengrade, als hätte er sich noch nie in Furcht vor jemandem ducken müssen. Amita kann vor Staunen kein Wort sprechen. Sie macht ein Gesicht wie ein Liber. „Du kommst doch nicht etwa aus dem Wald da?“ Der Junge zeigt in die Richtung, aus der Amita gekommen ist. „Du bist doch nicht eine Verrückte aus dem Dorf der Sekte? Die sollen ganz seltsam sein.“ sagt er und rümpft die Nase. „Mein Vater sagt, da wohnen einige von denen schon ihr ganzes Leben lang, und lassen sich von einem bekloppten und cholerischen Irren gefangenhalten, der glaubt, dass er ein Gott ist, oder so. Die sollen nicht ein einziges Mal in ihrem Leben da raus gekommen sein um etwas Anderes zu sehen, weil sie eine riesige Angst vor dem Kerl haben. Kannst du das glauben?“ Amita schüttelt mit großen Augen den Kopf, während der Junge einfach weiterredet: „Man sagt sich, er würde gruselige Masken um das Sektendorf aufstellen und dafür sorgen, dass es spukt. Sie nennen ihren Anführer den Heiligen Angsteinflößer. Einige von ihnen haben den Anführer noch nie gesehen. Ist sicher auch schwierig, so selten, wie er selbst da ist. Meistens führt er hier draußen ein stinkreiches Leben und schickt jemand anderen rein mit einer Maske, oder so. Und seine Untertanen bleiben da drinnen und trauen sich nicht raus. Ha! Dabei ist das normale Leben nur ein Stückchen weiter hinter dem Waldrand.“ Der Junge gibt wieder dieses laute Geräusch von sich, es klingt beinahe bellend. Amita dreht sich instinktiv um und schaut, ob jemand kommt. „Was’n? Hast du noch nie jemanden über diese Irren lachen hören?“ der Junge lacht noch einmal. „Also, was ist nun?“ fragt er dann mit einem prüfenden Blick. „Bist du nun aus dem Wald und eine von den irren Angsthasen, oder bist du eine von uns hier draußen, die vor niemandem Angst haben, hm?“

Amita schaut zu ihm hoch und überlegt nur einen kleinen Moment lang. „Keine Irre.“ sagt sie dann mit fester Stimme und lässt das Gefühl in ihrem Bauch zu, das sich kribbelnd empor windet, als der Junge bei dieser Antwort breit grinst. „Na also,“ sagt er. „Siehst auch nicht nach einem Angsthasen aus. Dann komm mit, ich stell dir meine Freunde vor!“ ruft er, klopft ihr auf die Schulter und lacht sie noch einmal an. Amita grinst verlegen zurück. Erst ein kleines bisschen zum Üben, dann immer breiter. Und schließlich lacht sie laut und herzhaft. Einfach so. Weil sie frei ist. Weil es Spaß macht. Weil die Sonne so schön scheint und auf der Nase kitzelt. Und zum allerersten Mal weiß sie, dass dieses Gefühl in ihrem Bauch vollkommen normal ist.