Lyrik

November

Sonnenmittagslicht blinzelt durch Spinnennetztropfen im Weißdorn.
November.
Welk stehen blassgelbe Rosenblattreste dem hellrotgetünchten Marienkäferpaar gegenüber.
November.
Was bringst du, wenn Frost, Wind und Kälte dich noch nicht ereilten?
November,
ist denn auch 
für dich 
das Jahr 
zu
 kurz?
Tiefblaumelancholische Regentage sah ich einst in deinen Gefilden.
November.
Verlässlich war deine grimmgraue Miene am Vorwinterabend mir je.
Und nun?
November,
was wird 
aus dir,
und mir,
aus 
uns?
 Ist es
aus mit uns?
Wenn du meinen Drachen nicht hebst,
meine Haare nicht zaust,
meine Jacke nicht wehst,
meine Wangen nicht kühlst,
meine Tiefen nicht mehr verdunkeln willst,
meine Seele nicht mehr mit Regen spülst,
November?
Philosophisches

Freispruch

Jeder kennt sie, jeder hat sie, jeden drückt sie, jeder wünscht sich von ihr befreit, manche verwechseln sie mit Verantwortung, viele lassen sie sich überschreiben, die meisten übernehmen sie von anderen, kaum jemandem ist ihre Tragweite bewusst, jede Religion fängt mit ihr ihre Anhänger, niemand hat so viel von ihr verdient, wie er tatsächlich annimmt, und der großartige Stephen King ließ einmal eine seiner Figuren sagen: „Schuld hat immer der, der zu schwach ist sie abzulehnen.“

Ja, die Rede ist von der Schuld.

Sie umfänglich zu erörtern führte zu weit. Um in Kurzform zu verstehen, wie viel von ihr wir an uns haben, reicht ein kleiner Exkurs in die groben Angaben zu dem, was wir unsere Identität nennen. In meinem Fall sähen meine Eigenschaften und ihre entsprechenden Schuldanteile so aus:

Ich bin weiß, bin schuldig den Schwarzen gegenüber. Bin deutsch, schuldiger Nazi. Bin Frau, schuldige Emanze. Bin Germanistin, schuldige Korrekt-Sprecherin. Bin Studentin, schuldige Bildungsverfechterin. Bin Schwester, schuldige Zuhörerin. Bin Tochter, schuldige Anruferin. Bin Europäerin, schuldige Finanzkrislerin.

Nichts kann ich sein, ohne nicht in einer Schuld zu stehen. So wird es mir beigebracht, so werden wir erzogen, so war es bei unseren Eltern und Großeltern. Alles hat seine Ordnung. Wo kämen wir denn sonst auch hin?

Als wir auszogen, das Leben zu lernen, lernten wir zuerst das Fürchten: vor all den Verantwortungen, Pflichten und Schulden. Die meisten von uns vernachlässigten die ersten beiden, weil sie überfordert waren, und häuften dafür umso mehr an vom dritten. Was bei all dem unterging, war die Zeit darüber nachzudenken, warum wir einem System folgten, das wir nicht einmal selbständig anerkannt hatten. Wir waren vor lauter Pflichten einfach nur dankbar, dass es überhaupt ein System gab, nach dem wir leben konnten.

Aber irgendwann tritt Ruhe ein.

Irgendwann ist es soweit, und die gröbsten Lebenslinien sind gezeichnet. Der Kopf wird frei, wir sind Ende zwanzig, vielleicht dreißig Jahre alt, vielleicht ein bisschen älter, und wir fangen an uns zu fragen, wohin wir laufen und warum. Und wenn wir ganz viel Glück und Zeit und Geist haben – nur dann -, fragen wir uns, wer uns die Werte bestätigte, die man uns mitgab und denen wir folgten. Wir beginnen uns in der Welt umzusehen und Dinge zu entdecken wie, dass die Aborigines im Gegensatz zu uns von der Zukunft in die Vergangenheit leben, dass sie Traum und Wachen nicht unterscheiden, und dass sie uns belächeln, weil wir so kleingeistig sind. Liegen wir vielleicht falsch und sie nicht? Wir fragen uns, ob Blut wirklich dicker ist als Wasser, und warum die einzelnen Religionen glauben, Gott zu verstehen, und was wohl Gott davon hält.

Als Germanistin habe ich ein Kapitel der Bibel über zwei Sprachen hinweg rückwärts aus dem Englischen ins Aramäische übersetzt und am Ende eine Botschaft vorgefunden, die einfach nur ähnlich aber nicht die gleiche war wie die, die ich im Religionsunterricht gelernt hatte. Vielleicht ist das nicht wichtig. Vielleicht ist das nur Wortklauberei. Aber wenn jedes Wort unseres Lebensbuches ein bisschen anders ist, kann das nicht in der Gesamtheit zu einem komplett anderen Genre führen?

Was nicht neu ist, aber neu zutage tritt bei solchen Betrachtungen, ist die Aufgabe, sich im Leben zu entwickeln.

Wer dieses Wort genau betrachtet, braucht keine Definition und keine Abgrenzung zu dem Begriff des Veränderns. Wir entwickeln uns, wenn wir Glück haben und Verstand. Wenn uns ein Rest geblieben ist von der Verbindung zu unserem inneren Selbst, das wir vermutlich zuletzt kontaktierten, bevor wir lernten unsere Empfindungen in unserer Muttersprache hörbar für andere auszudrücken.

Was sich e n t w i c k e l t, ist im glücklichsten Fall ein Individuum (lateinisch: individuum ‚Unteilbares‘, ‚Einzelding‘), dessen Bedeutung all denen ein Unverständnis ist, die diesen Teil von sich nicht leben, weil sie in ihrer Verwickelung geblieben sind.

Ein Individuum, das, frisch aus dem Ei der gesellschaftlichen Verflechtungen gepellt, sich umschaut und verwundert die eigene Beschaffenheit zu begutachten beginnt. Denn wozu wir nie den Geist und die Zeit hatten, war, in den Spiegel zu schauen und wahrhaftig mit uns selbst zu sein. Was wir immer als Teil unserer selbst erkannten, war Teil der Gesellschaft, Teil des Elternhauses, Teil des Viertels, aus dem wir stammen, Teil der Hautfarbe, der wir angehören, Teil des Geschlechts, Teil des Kontinents, Teil der Sprache, Teil des …

und jetzt, wenn wir erkannt haben, dass es so war? Was ist jetzt?

Freispruch. Nichts. Vollkommenheit.

Alles ist möglich. Wir tragen keine Schuld mehr.

Denn wir sind nicht mehr zu schwach zum Ablehnen.