Lyrik

Regenbogen

Ich hab dich im Regenbogen geseh’n
Ich sah dich im Regenbogen steh’n
Seither versuch ich dir nachzugeh’n
Doch sind nirgends Regen und Sonne zu seh’n
Zuerst hatte ich mir das nur ausgedacht
 Mit Sternschnuppen und Wünschen dann wahr gemacht
Du sagtest, das geht nicht, das wär doch gelacht
Und hast dich in den Himmel davongemacht
Ich stehe hier unten und schau zu dir auf
Ich sehe dein Lächeln und wünsch mich hinauf
Und am allerwenigsten kann ich versteh’n,
Wie du dort sein kannst ohne mich anzuseh’n.
Erzählungen, Prosa, Veranstaltungen

Kurzgeschichten voller Herz – „12 Sekunden“ jetzt im Handel

Knapp achtundvierzig Stunden später beugt er sich zu mir herab. Ich sitze auf der Dachterrasse, er legt seine Arme auf meine gekreuzten Beine, sieht mir in die Augen. Ich sollte wegsehen, aber ich möchte nicht. Ich habe Angst, dieser Moment der Nähe könnte niemals überboten werden. Er wendet sich und blickt meiner Freundin hinterher, die gerade geht, er sagt: „Du freust dich mich zu sehen. Das war bei unserer ersten Begegnung nicht so. Aber jetzt freust du dich.“ Er lächelt mich an. Ich bin schon wieder irritiert von seiner Direktheit, ich frage: „Welches erste Mal?“ Ich weiß nicht, ob er das Treffen in dem Straßencafé meint. Ich möchte, dass er das Gleiche meint wie ich. Er sagt: „Darum geht es nicht. Du freust dich mich zu sehen, du fühlst dich wohl in meiner Gegenwart.“ Ich bin nicht sicher, ob ich ihn wissen lassen möchte, dass er Recht hat, ich will ihn nicht wissen lassen, dass er bleiben soll. Seine Stimme klingt wieder einmal, als müsste ich antworten. Ich stocke, suche nach Sätzen, ich will unbedingt etwas sagen, das nicht im Schatten seiner Worte stehen bleiben muss, das sich trauen darf, ebenbürtige Daseinsberechtigung zu fordern, unwiderruflich.  […] – aus „12 Sekunden“, „12 Sekunden. Erzählungen“, Nicole Banik, BoD, April 2015

Es geht um Liebe, aber nicht nur. Das Leben, die Menschen, die uns über den Weg laufen, die Freundschaften, die wir hatten und oft noch mehr vermissen als die verflossenen Liebschaften – darum geht es. Und um die wenigen Sekunden, die nötig sind, um zwischen zwei Menschen etwas ganz Entscheidendes zu verändern.

Pünktlich zur Freiluft-Lese-Saison kommt hier die lockerleichte, den Feierabend auf der Sonnenliege versüßende Sommerlektüre für euch:

12 Sekunden, Erzählungen heißt meine brandneue Sammlung, die am 17.04.2015 erschien. Ihr erhaltet den Band überall, wo es Bücher gibt. Regionale Buchhandlungen, die einige Exemplare auf Lager haben, nenne ich euch, sobald mir eine Liste vorliegt.

Ich hoffe, ihr habt beim Lesen mindestens so viel Spaß wie ich beim Schreiben!

Wer mich aus diesem und anderen meiner (teils noch unveröffentlichten) Bücher lesen hören möchte, der ist herzlich eingeladen zu meinen

                                   
Lesungen am
09. Mai 201515 Uhr
auf dem KulturNatur Gaarden Kleingartenfestival im Garten 48 bei Ingo und Susanne
Pläne hängen vor Ort im Gelände des Kleingartenvereins Gaarden Süd e.V.
und
31. Mai 2015 – 16 Uhr  

ebenfalls auf dem Gelände des Kleingartenvereins Gaarden Süd e.V.
im Garten Bielenbergkoppel 5/ 94 bei Thorsten Bergunde
Selbstredend ist auch jeder zu den Haiku-Workshops eingeladen, die ich an beiden Tagen um jeweils 14Uhr abhalten werde, oder zu den zahlreichen anderen Veranstaltungen an diesen beiden Wochenenden.
Ich freu mich auf euch!
Erzählungen

Spanien. 1970

oder  
Kleinod einer Ausstellung
 
Das Erste, was ich sehe, als ich durch die doppelflügelige Glastür den Ausstellungsraum betrete, ist die aus Ameisenperspektive gezeigte Aufnahme eines Wolkenkratzers. Gefällt mir. Auf den zweiten Blick löst sie das Bedürfnis aus, rückwärts zu treten. Das Gebäude könnte stürzen, und ich bin klein und steh im Schatten. Dann Wolkentürme, wenig Himmel, schwarzweiß wie das Foto davor, wie alle Fotos an der Stellwand zu meiner Linken. Titel sehr einleuchtend: Wolken. Ich folge den Stimmen aus dem vor mir liegenden Raum den Flur hinunter an der rechtsläufigen Fensterfront entlang. Es ist ein schmaler Gang, den Fenstern gegenüber reihen sich Ölgemälde, deren Darstellungen ich nicht verstehe. Ich sehe auf den Titel neben dem letzten: Wolken. – Dieses Mal nicht zu erkennen. Abstrakte Kunst verwirrt mich immer ein wenig.
Ich blicke um die Ecke in den ersten düsteren Raum, doch auch, was ich dort unter einzelnen Scheinwerfern sehe, beeindruckt mich nicht: Striche, Kreise, Querbalken in blau und schwarz auf altem Papier oder dunkler Raufaser, so genau lässt sich das von meinem Standpunkt aus nicht erkennen. Ich betrachte die angeblichen Wolken vor mir genauer: Quadratische Pinselstriche in braun und grün, viel zu wenige blaue Kästchen dazwischen, der Himmel also verdeckt. Sieht aus wie dichtes Blattwerk, von Wolken keine Spur. Daneben hängt ein Selbstporträt des Künstlers. Ich übersehe es vorerst und betrete den Raum mit den Strichzeichnungen. Die Titel sind so einfallsreich wie die vorherigen und wiederholen sich: Ohne Titel besteht aus zehn schwarzen Balken, Bleistift auf Leinwand aus ein paar blauen Linien und diversen Grafitstrichen und -kreisen. Irgendjemand im Raum sagt etwas von einer linearen Bildstruktur, einer optischen Achse im Bild … ja sicher, denke ich mit schief geneigtem Kopf; mehr als das ist es aber nicht. Ich entscheide mich dazu der Gruppe zu folgen und den Erklärungen zuzuhören.
Vor einem wild gesprühten Farbchaos mit schwarzen Spritzpunkten erklärt die Gruppenführerin, der Künstler habe die üblichen Normen vernachlässigt: „Malerei hat etwas Gegenständliches, Haptisches, aber hier …“, dass das hier nichts Gegenständliches aufweist, erkennt der größte Kunstbanause. Ich gehe weiter und entferne mich dabei wieder von der Gruppe. Die nächste Grafitzeichnung stellt laut Titel ein sich umarmendes Pärchen dar. Sehr reduziert, zu erkennen ist nur die Fratze des Mannes, falls es sich dabei um diesen handelt. Dann wieder nur unkenntliche schwarze Kreidebrocken auf getränktem Papier, Titel: Kreide auf Leinwand. Na bitte, der Mann hatte Fantasie! Noch reduzierter: drei dicke Kohlebalken, verständlicher Weise Ohne Titel. Ich bin gespannt, ob ich etwas finde, das dem Künstler noch weniger Handbewegung und Einfallsreichtum abverlangte. Stattdessen stolpere ich an der nächsten Wand über den Riesendruck eines Zitats mit der Aussage, der Künstler wünsche, wir würden durch die Betrachtung seiner Bilder so verrückt, wie er es ist. Ich bin gegen schlechten Geschmack und seine sekundären Auswirkungen immun, mache mir über diese Äußerung also keine Sorgen. Im nächsten Zitat gesteht er, er würde versuchen zu malen wie früher, es gelänge ihm trotz Anstrengung nach Leibeskräften nicht. Ich finde, an diesem Punkt der Selbsterkenntnis hätte er aufhören sollen. Wer im rückwärtigen Wettstreit mit sich selbst steht, hört vor narzisstischem Eifer die Stimme der Muse nicht mehr und hat zudem noch ein philosophisches Entwicklungsproblem.
Ich will wissen, wer dieser Mann war, ich betrete wieder den Gang und betrachte zufrieden das Selbstporträt: Genau so habe ich ihn mir vorgestellt, blasiert, zurecht gemacht in Frisur und Kleidung, und zu allem Übel hebt er auch noch das Kinn und schaut durch viel zu kleine Brillengläser mit gespitzten Lippen auf den Betrachter herab. Dieser Mensch suchte nicht sich selbst, keinen Sinn und schon gar nichts Höheres, er glaubte bereits, es im Spiegel gefunden zu haben, und wollte es mit diesem Gemälde für alle Zeit der Nachwelt vorhalten. Großzügig von ihm. Ich habe keine Lust, mir seine Spätwerke anzusehen, werde es der Vollständigkeit halber trotzdem tun. Ich gehe zurück zu der Gruppe Kunstinteressierter, die nun vor einem Bild mit dem Titel Bleistift auf Papier steht. Die Gruppenleiterin fragt, was einen Künstler wohl dazu bewege, in so minutiöser Weise zu zeichnen. Jemand antwortet etwas, das sie offensichtlich für falsch oder dumm hält, vielleicht auch beides, denn sie reagiert nicht darauf. Ich hätte ja eine Antwort, aber ich will den Anwesenden nicht ihre Freude an diesem kulturellen Hochgenuss verderben, also wechsle ich in den Raum mit den Spätwerken.
Sofort erschlägt mich eine vier Meter hohe Leinwand voll dunkler Farben. Expressiv, erdrückend, gewaltig, emotional, ich bin wirklich beeindruckt, da hat mich auch schon die Gruppe eingeholt. Ein älterer Herr gesellt sich zu mir, die anderen stellen ihre Klappstühle auf und setzen sich. Wie kann man diese Gefühlsexplosion nur sitzend betrachten wollen? Ich will mich mit der Kunst Auge in Auge befinden. Der Herr neben mir versteht sie, die Kunst da direkt vor uns. Er sagt: „Wie wunderbar komponiert!“ – Ich drehe mich mit einem Seufzer und gehe. Die einzig wunderbare Komposition hier war der Moment zwischen mir und diesem gigantischen Bild: Ein optischer Orchesterschlag, und der vorlaute Herr Kunstkenner hat ihn mir soeben zerstört. Hinter mir höre ich die Gruppenleiterin ankündigen: „Wenn wir in das Obergeschoss kommen, werden wir sehen, wie die neuesten Werke …“
Ich habe nicht mehr das geringste Interesse übrig für das Obergeschoss. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass ich noch eine Viertelstunde Zeit habe bis zu dem Vortrag des Kurators, in dem ich mir anhören werde, was ich soeben gesehen habe. Vor den Fotowänden bleibe ich noch einmal stehen und gehe um sie herum, aber mir gefallen die in wenige Quadratzentimeter gequetschten Dinge nicht mehr. Der Künstler hat in ihnen ausschließlich Großes und Beständiges eingefangen. Die Objekte wirken unfrei, gefangen, als hätten sie ihr eigentliches Wesen aus Platzmangel abstreifen müssen, während der Betrachter den Auslöser drückte. Ganz am linken Rand der zweiten Stellwand ist etwas anders.

Ich lese den Titel und das Erscheinungsjahr: Spanien. 1970. Ein weiter Blick in eine karge Gegend, rechts eine Mauer, der Betrachter steht auf einer Anhöhe, von der in die Bildmitte hin Schutt hinab gerutscht ist auf die davor liegende, unbefestigte Sandstraße. Sie führt aus der linken Seite des Bildes kommend in dessen rechte, obere Ecke fort. Schutt und Geröll liegen an der Straßenseite, wie Dinge liegen, wenn sie lange Zeit nicht beachtet wurden. Am gegenüber liegenden Straßenrand, zum oberen Bildrand hin, stehen Häuser aus Backstein, Lehm und Ziegel und blicken aus glaslosen Fenstern. Eine quer durch das Bild gezogene Lehmmauer erhebt sich davor, schulterhoch vielleicht. Über allem strahlt funkelblauer Himmel, links kommt die Straße womöglich aus jenem hinter der Mauer schlummernden Dorf, ganz rechts liegen, aufgetürmt neben dem Schutt, ein paar alte Autoreifen. Das alles ist ohne menschliches Lebenszeichen, ohne Gefühl und ohne Farbklecks. Nicht einmal Botanik will sich zeigen. In der Mitte der Straße und des Bildes aber, ganz einnehmend und doch kein bisschen aufdringlich, steht eine schwarze, blank polierte Limousine us-amerikanischer Marke. Die Hitze auf ihrem Dach flimmert, die dem Betrachter zugewandte Hintertür mit den getönten Scheiben steht weit offen, und in dem klimatisierten Dunkel, das das Innere des Wagens ausfüllt, ist ganz leicht nur der weiße Arm einer Frau zu erkennen, angewinkelt, auf ein ebenso angewinkeltes, nacktes Bein gestützt. Ihr Fuß liegt auf dem äußeren Trittbrett in der Sonne, und der schwarze Damenschuh zeigt, dass er noch keinen Schritt durch den ihn umgebenden, heißen Staub getan hat. –

Dann ist der Moment vorbei. Der Auslöser klickt leise, und die Linse schließt sich. Ich öffne die Augen, für einen Moment nur, schließe sie wieder, lasse das Bild aufblitzen, senke die Lider erneut, jedes Mal ein wenig länger, bis sich die Fotografie in meine Netzhaut gebrannt hat. Ohne noch einen Blick auf die anderen Bilder zu werfen, verlasse ich die Ausstellung. Bis zum Vortrag sind es noch zehn Minuten, und die werde ich an der frischen Luft verbringen. Vor der Kunsthalle sehe ich in den wolkenverhangenen Winterhimmel und hoffe inständig, der Kurator spricht nicht über Spanien.
In dem kleinen dunklen Hörsaal sitze ich im ersten Block links in der letzten Reihe. Insgesamt gibt es vier Sitzblöcke. Die Wände sind weiß, ebenso das Podium, die Decke und die unbequemen Plastikstühle. Die meisten Zuhörer scheinen öfter hierher zu kommen, sie kennen einander und halten sich gegenseitig Sitzplätze frei. Eigentlich hätte ich nach Hause oder wenigstens spazieren gehen sollen. Mein Nacken schmerzt, meine Augen sind übermüdet und schmerzen, ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich noch hier bin.
Wenigstens weiß ich, warum ich diesen Platz gewählt habe: hinter mir steht jemand und schaut in meine Notizen. Ich frage mich, was ihn das angeht und was er denkt, wenn er liest, dass ich von seiner Neugier weiß. Die Frau, die eben noch neben mir saß, rückte zuerst einen Platz von mir ab, dann stand sie auf und ging. Nun sitzt neben mir ein weiblicher grellroter Pullover und unterhält sich mit seiner männlichen Begleitung. Auch diese beiden rücken einen Platz von mir fort, ich bleibe also genauso anonym, wie ich es sein wollte. Möglicherweise bin ich nur darum noch hier. Unter all den Intellektuellen fühle ich mich dennoch unwohl. Sie tragen echtes Leder, Reiterstiefel, britische Umschlaghosen, Brillen im Haar und Steppjacken, die Damen Seidenschals und die Herren Krawatten. Sie benutzen sorgfältig gewähltes Vokabular, bezeichnen Dinge als wohltuendes Raunen und avantgardistisch. Dann sagt eine von denen, die vor mir sitzen: “ … zwei richtige Blödchen …“ und ganz spontan finde ich sie doch nicht kultivierter als den Schweinebauern, auf dessen Weide ich als Kind jeden Sommer spielte.
War ich etwa auf der Suche nach Kultur und Kultiviertheit, als ich dieses Gebäude vor zwei Stunden betrat? Ich hatte noch nie viel übrig für moderne Kunst. Warum bin ich also hier? Der Applaus für den Kurator verebbt, während ich mit gefalteten Händen denke, und er beginnt den Vortrag mit der Auflistung einiger Ausstellungen und deutscher Gegenwartskünstler. Ich stelle fest, dass ich von Kunst keine Ahnung habe. Das überrascht mich nicht. Mir fällt außerdem auf, dass ich mir gerade anhöre, was ich in den letzten Tagen gelesen habe. Gerade heute habe ich die Lektüre eines Buches beendet, das sich mit der Anfertigung einer Künstlerbiografie beschäftigte. Nur war der dort Gemeinte noch nicht unter der Erde im Gegensatz zu dem hier Vorgestellten, dessen Leben und Werk mir gänzlich egal sind. Aber ich habe das Eintrittsgeld bereits bezahlt und es ist vermutlich trotz meines Desinteresses nicht ganz so verschwendet wie das für meine letzte Kinokarte.
Der Redner behauptet, der Künstler habe ganz offensichtlich die Welt verändern wollen, und nur mit genau diesem Vorhaben hätte man als Künstler überhaupt eine Daseinsberechtigung. Ich erinnere mich bei dieser Äußerung an das vor einer halben Stunde betrachtete Selbstporträt, und wie zu meiner Bestätigung fällt die Bemerkung, der Künstler sei des Weiteren nietzisch angehaucht gewesen. Es folgt eine Anekdote, deren Handlung den Maler einstmals in eine nationalsozialistische Falle tappen ließ, indem man ihn mit der Vorgabe eines hohen Erbes lockte, und der er trotz der Warnungen seiner Freunde nur nachfolgte, um keinen so genannten niederen Brotberuf ergreifen zu müssen, als es der Kunst in Deutschland zu eng wurde. Habgier und Hochmut müssen bestraft werden, denke ich, selber Schuld. Um mich herum wird gelacht und gleichzeitig verständnisvoll genickt. Ich bin überzeugt, dass außer mir jeder der Anwesenden in eine ähnliche Falle gehen würde. Weitere zehn Minuten vergehen, ich mag den Künstler, um den es sich hier dreht, immer weniger. Die anderen Zuhörer wirken immer blasierter. Nein, so will ich nie sein!
Der Kurator benutzt in jedem Satz mindestens zweimal den Begriff sozusagen. Ich würde nach Hause wollen, wäre ich mir nicht sicher, dann wieder unter Menschen sein zu wollen, aber ich kann hier nicht mehr still sitzen. Gibt es eigentlich keine emotionale Kunst mehr? Ich erinnere mich an ein Kundengespräch, das ich heute Morgen führte. Die Tochter einer alten Dame fragte mich, ob denn die Menschen kein Herz mehr hätten. Ich antwortete ihr, indem ich als Grund die Globalisierung angab. Ich sagte, die Welt würde gefühlt immer kleiner, sogar nachweislich – das bemerkte schon Jules Vernes Protagonist in meinem Lieblings-Kinder-Hörbuch -, und da bleibe aus Platzmangel eben an den wenigsten Orten noch Raum für das Herz. Als ich das gesagt hatte, war es mir einen Moment lang peinlich. Mein Kollege saß stumm neben mir und hatte die Äußerung vermutlich gehört. Ich frage mich nun, ob es ihm an Mut mangelte, sich einzumischen. Vermutlich nicht. Ich schätze, er verstand es nicht oder hielt mich für verquer.
Ich richte meine Aufmerksamkeit wieder auf den Vortrag. Der Künstler habe sich von Picasso aushelfen lassen in seiner schwierigen Zeit. Und von Picassos Freunden. Verdienstvoller Weise sei er außerdem in der Fremdenlegion gewesen. Wieso wurde ebendies einem anderen Maler vor einer halben Stunde als biografischer Fehler vorgeworfen? Natürlich ging unser Künstler als Held aus dem Krieg hervor, weil er danach ein Bein weniger besaß als die meisten anderen Menschen. Der Maler in meinem gerade beendeten Buch hatte Blindheit vorgetäuscht, das war wenigstens tragisch gewesen und nach Auflösung der Täuschung komisch. Das war wenigstens etwas gewesen!
– Woher überhaupt weiß der da vorn hinter dem Pult, was der Referierte wann zu wem sagte? Wie kann er die Gedanken und Gefühle eines längst Verstorbenen rezitieren? Was, wenn man über mich nach meinem Tod sagte, ich hätte mich, so oft es ging, in Lesungen und Kunsthallen aufgehalten um herauszufinden, ob ich eine Intellektuelle sein wolle? Vermutlich wird über mich niemand etwas zu sagen haben, wenn ich tot bin. Aber ein Biograf wüsste selbst daraus noch etwas zu machen. Der Kurator berichtet in diesem Moment, der Maler habe am Ende seiner Schaffenszeit nur deshalb frei und expressiv malen können, weil er geglaubt habe, seine Zeit sei vorbei. Ich bedaure diesen Mann, auch wenn es für ihn schon lang vorbei ist: Er hätte es viel einfacher haben können, hätte er das richtige Maß an weltlicher Gleichgültigkeit ein wenig früher für sich erkannt. Mit dieser endgültigen Feststellung erhebe ich mich geräuschvoll und ziehe freundlich in die empörte Runde blickend meine Jacke von der Rückenlehne des unbequemen Plastikstuhls. Mit einem Nicken wünsche ich jedem der Anwesenden still, er möge der emotionalen Tragödie entgehen, zu der sein Leben sich mit Anhäufung der aktuellen Inhalte zwangsläufig entwickeln würde.
 
In der Eingangshalle verharre ich einen kleinen Moment lang in dem Gedanken, mich von Spanien zu verabschieden. Stattdessen schließe ich die Augen und betrachte das eingebrannte Bild auf meiner Netzhaut. Draußen von dem Gebäude sehe ich noch immer das Foto vor mir flackern und durchscheinend dahinter die Lichter des Hafens. Erleichtert ziehe ich die schneidende Kälte in meine Lungen. Wie hatte mir noch ein paar Stunden zuvor so langweilig sein können? Wie froh bin ich jetzt, dass ich hier bin, und dass der Geruch nach Spießbürgertum sich unter der Dusche abwaschen lässt! Die Nachtluft weht die in der Ausstellung gesammelte, feine Staubschicht von meinen Lungen. Den Bus lasse ich heute ausnahmsweise an mir vorbei fahren und schlendere pfeifend durch die eisige Stadt nach Hause.