Erzählungen, Literatur, N. Banik

Nichts Besonderes

Es war, wie er es sich immer vorgestellt hatte. Keine Sirenen, kein Schimpfen oder Brüllen oder Keifen, keine Geräusche überhaupt, kein Aufheben von der Sache machen. Stattdessen Arm in Arm ganz ruhig und unscheinbar den Gang entlanggehen. An die Grüne Meile musste er denken und lächeln und sich dabei wünschen, die Maus zu sein. Er hatte einen innerlichen Paukenschlag erwartet. Aber der kam nicht. Nichts kam. Und niemand. Keine Polizei. Sagte die hässliche Vieräugige im Hinterzimmer, nachdem sie ihn vor und sich selbst hinter den alten, zerkratzten Plastikschreibtisch gesetzt hatte. Ihren richtigen Namen kannten er und die Jungs nicht, und nannten sie darum den Luchs, weil sie in dem Laden einfach alles sah. Wie ein Luchs eben. Continue reading „Nichts Besonderes“

Erzählungen, Literatur, N. Banik

Hugo

Mein Wellensittich war letzte Woche beim Psychiater. Ja, anfangs hielt ich das für eine absurde Idee, aber er hat sich zum Geburtstag einen Gutschein gewünscht für etwas Entspannendes. Ich konnte meinen Wellensittich schlecht auf eine Beautyfarm oder in ein Wellnesscenter schicken – was hätten die Leute gedacht? -, also schenkte ich ihm einen Gutschein für drei Therapiesitzungen. Ich dachte mir, auf der Couch könne er entspannen, seinem Gezwitscher hörte endlich einmal wieder jemand zu, der es nicht schon auswendig kennt, und ich hätte ein paar Stunden meine Ruhe. Continue reading „Hugo“

Erzählungen, Literatur, N. Banik

Prometheus

Er lag auf dem Boden seines Wohnzimmers und wischte sich mit dem Handrücken Schweiß von der Stirn. Als er die roten Schlieren auf seiner Hand sah, tanzten für einen Moment wieder kleine Blitze vor seinen Augen. Er fürchtete eine erneute Ohnmacht. Die Blitze verschwanden, kamen aber nur einen Moment später umso intensiver zurück. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass sie nicht in seinem Kopf entstanden, sondern zu dem Feuer gehörten, das er nun, als sich seine Augen scharf stellten, auch direkt vor sich auflodern sah. Continue reading „Prometheus“

Erzählungen, Kiel, Lesung, Veranstaltungen

Menschsein II – Lesung

Die Lesung unter dem Titel „MENSCHSEIN“ geht am 18.10.2016 weiter. – Natürlich gibt es auch in diesem Teil ein festes Programm. Natürlich ist es stimmig. Natürlich liest mit mir, Nicole Banik, wieder Silvia Mehmel. Natürlich erklärt sich dem Besucher im Laufes des Abends die grüne Tasse. Noch Fragen? Werden auch beantwortet. Auf Handzeichen. In der Pause. Die – natürlich – auch wieder stattfindet.

Mit dabei sind unter anderem auch die Kurzgeschichten Prometheus und Nichts Besonderes.

Beginn: 19Uhr am Dienstag, dem 18.10.2016 im Café Godot in Kiel. Eintritt frei, der Hut geht wie immer ‚rum.

Lieblingsstücke, Lyrik

Straßen in Shanghai

I

Der weiße Schmetterling im Park wird von vielen gelesen.

Ich liebe diesen Kohlweißling so, als wäre er eine flatternde

Ecke der Wahrheit selbst!

Im Morgengraun treten die Völkermassen unsern stillen

Planeten in Gang.

Da füllt sich der Park mit Menschen. An jedem acht Gesichter,

Poliert wie Jade, für alle Situationen, um Irrtümer zu

Vermeiden.

An jedem auch das unsichtbare Gesicht: es spiegelt „etwas, worüber man nicht spricht“.

Etwas, das in müden Stunden auftaucht und herb ist wie ein Schluck Kreuzotterschnaps mit dem

Langen schuppigen Nachgeschmack.

Die Karpfen im Teich bewegen sich ständig, sie schwimmen im Schlafen, sie sind das Vorbild

Für den Gläubigen: stets in Bewegung.

II

Es ist mitten am Tag. Die Wäsche flattert im grauen Seewind hoch über den Radfahrern,

die in dichten Schwärmen kommen. Achte auf die Nebenlabyrinthe!

Ich bin umgeben von Schriftzeichen, die ich nicht deuten kann, ich bin durch und durch

Analphabet.

Doch ich habe bezahlt, was ich mußte, und habe für alles eine Quittung.

Ich habe viele unleserliche Quittungen gesammelt.

lch bin ein alter Baum mit welkem Laub, das noch dranhängt und nicht zu Boden fallen kann.

Und ein Hauch von der See bringt all diese Quittungen zum Rascheln.

III

Im Morgengraun trampeln die Menschenmassen unsern stillen Planeten in Gang.

Wir sind alle an Bord der Straße, es herrscht Gedränge wie auf dem Deck einer Fähre.

Wohin sind wir unterwegs? Reichen die Teebecher ? Wir können uns glücklich schätzen, an

Bord dieser Straße gekommen zu sein!

Es ist tausend Jahre vor der Geburt der Klaustrophobie.

Hinter jedem, der hier geht, schwebt ein Kreuz, das uns überholen, an uns vorbeigehn, sich mit

Uns vereinigen will.

Etwas, das sich von hinten an uns heranschleichen und uns die Augen zuhalten und flüstern

Will: „Rat mal, wer da ist!“

Wir sehen fast glücklich aus in der Sonne, während wir verbluten aus Wunden, von denen wir

Nicht wissen.

Tranströmer: Sämtliche Gedichte
Lyrik

Götter

Und was wäre, wenn

Das Gras nicht wüchse,

sondern es die Erde ist,

die sich zurückzieht

in ein Inneres,

das wir nicht kennen,

aus Scham?

Und was wäre, wenn

Sie sich nicht um die Sonne drehte,

sondern die Sonne

die Erde um sich schwingt,

um zu betrachten,

dass ihr Brennen Leben schafft

und nimmt?

Und was wäre, wenn

Kein Glaube wahr wär,

sondern wir selbst

Götter sind,

die verlernt haben,

auf Gebete zu hören

aus der Ferne

und aus uns?