Erzählungen, Literatur, N. Banik

Prometheus

Er lag auf dem Boden seines Wohnzimmers und wischte sich mit dem Handrücken Schweiß von der Stirn. Als er die roten Schlieren auf seiner Hand sah, tanzten für einen Moment wieder kleine Blitze vor seinen Augen. Er fürchtete eine erneute Ohnmacht. Die Blitze verschwanden, kamen aber nur einen Moment später umso intensiver zurück. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass sie nicht in seinem Kopf entstanden, sondern zu dem Feuer gehörten, das er nun, als sich seine Augen scharf stellten, auch direkt vor sich auflodern sah. Später sollten die Nachbarn und Feuerwehrleute ihm erzählen, dass er mittendrin gesessen hatte, zwischen glühenden Holzscheiten, kokelnden Teppichresten, schmelzenden Bilderrahmen, Blumentöpfen und Dekorationsartikeln, die seine Frau über die Jahre und Jahrzehnte zusammengetragen hatte. – Offenbar hauptsächlich für dieses gemeinsame, heiße Finale, welches sie nun alle in einen großen, geschmolzenen, unkenntlichen Nippesleichnam verwandelte. So würde er es sich später vorstellen, rückblickend, wenn er die Erzählfragmente der Feuerwehr und Zeugen zusammentragen und ihnen Bilder aus seinem Gedächtnis zuordnen würde.

Für den Moment aber saß er wie in Watte gepackt vor dem großen Feuer und dachte an die Abende im Ferienlager. Beinahe konnte er die dunklen Tannenschatten um sich herum erkennen, die in den schwarzen Himmel ragten. Aber da war jetzt kein Himmel über ihm, sondern seine vertäfelte Wohnzimmerdecke, und sie war viel zu hell, als dass man die Sterne auf ihr hätte erkennen können. Dabei waren ja schon alle Lichter aus und nur das Feuer brannte noch. Er zog die Beine an, weil seine Zehen heiß wurden. Dabei stach er sich einige winzig kleine Glasscherben in die Haut und ächzte auf. Langsam kam seine Erinnerung zurück. Er hatte den Ofen angezündet, seine Frau hatte Scheite nachgelegt, war zu den Nachbarn gegangen, er war geblieben, und dann war ihm, während der Tagesschau und seinem Feierabendbier, die Welt um die Ohren geflogen. […]


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