Bin ich noch immer hier? Hatte ich diesen Punkt überhaupt jemals verlassen und bin dir näher gewesen, als  ich es jetzt bin? Oder war ich die ganze Zeit an diesem Ort, von dem aus ich hinübersehnen muss?

Ich habe einmal gelesen von jemandem, der den Menschen in seiner Seele Rollen zuweist und ungnädig mit ihnen ist, wenn sie ihnen nicht entsprechen. So bist du. Da bin ich ganz sicher. Ich bin anders. Ich weise Rollen zu, ja, tun wir das nicht alle? Aber ich bin gnädig. Mein Gott, ich bin gnädig, und nichts anderes habe ich von dir verlangt!
Mögen die Menschen glauben, was sie wollen; die Gnade ist keine rein göttliche  Eigenschaft. Was ist sie denn mehr als die Vergebung dessen, das wir in unserer vorherigen Selbsttäuschung haben für wahr nehmen wollen? Was ist sie mehr  als eine Belehrung des Besseren, des Wahren, das wir anzunehmen bereit sein müssen?
Sicher, du magst einwenden, dass auch andere Menschen ihre Fehler, ja, sogar Schuld, haben. Dass nicht alles in der  eigenen Fehlinterpretation begründet ist. Aber wenn du die Fehler und die  Schuld in dem anderen bereits am Anfang erkannt hättest, wärst du dann  auf ihn eingegangen oder hättest du dich dieser Enttäuschung nicht schon  viel früher entzogen und dich abgewandt?
Wer ist denn, möchte ich dich fragen, Schuld, wenn zwei einander nicht verstehen?
Unmöglich kannst du mit dem Finger auf mich zeigen und den ersten Stein werfen. Dass du es anders siehst, zeigen die Kieselhäufchen zu meinen Füßen. Du wirfst und klagst mich an. Was, wenn ich einen Stein würfe? Einen von denen hier, von deinen, einen, den du nicht einmal lang genug in deiner Hand drehtest um zu erkennen, was genau du mir eigentlich vorwirfst?
Dich erklären zu müssen, sagst du, das sei es. Unser Unvermögen, Gemeinsames zu finden. Erkennst du, was du da von dir wirfst? Verstehst du es?
Wie mit der Flüsterpost ist es mit dir, wenn ich zu dir spreche. Nur, dass zwischen dir und mir überhaupt niemand mehr ist, der falsch  vermitteln könnte. Niemand außer dir. Und weil du das allein so gut  kannst, das Verziehen und Vertauschen von Wörtern, bis eine Botschaft entsteht, die dich wieder einmal verärgert, weil du ihr jeglichen Sinn entzogen hast und – somit zu Recht – mit Unverständnis auf sie reagierst, müsste man dir für diese außerordentliche Glanzleistung eigentlich einen Orden verleihen und einen Pokal in die  Vitrine stellen. Was würdest du in deiner Ehrenrede sagen wollen? Nicht einmal freuen willst du dich, wenn du die Postrunde gewinnst. Kein Wort kommt über deine Lippen, wenn man dich fragt.
Du schweigst und wirfst  Steine. Irgendwann bin ich darum dazu übergegangen, dir Briefe zu schreiben. Missverständnisse sind nur auf der semantischen Ebene möglich, wenn man die Sätze vorfertigt, habe ich gedacht. Ich wollte  sicher gehen, dass du die Syntax nicht angreifen kannst, dass die Grammatik meine bleibt. Warum hast du mir nicht gleich nach dem ersten Brief gesagt, dass du nicht lesen kannst? Ich hätte verstehen können. Ich hätte einen Grund gehabt nicht mehr zu schreiben. Ich hätte sogar akzeptiert, dass du diesen einen Stein wirfst. Einen einzigen nur.
Inzwischen sind die Kieselhäufchen um mich herum gewachsen und eins geworden, und ich kann nur noch deine Schritte hören, die immer im Kreis führen, während du die Fugen füllst. Sehen kann ich dich schon eine  Weile nicht mehr. Deine schweigende Mauer versperrt mir die Sicht. Zum Atmen hast du mir genügend Raum gelassen. Über mir sei ja alles frei, das hast du gesagt, als du den letzten Stein warfst. Du hast gesagt, ich  hätte schon immer etwas Höheres haben wollen und du würdest mir damit nur einen Gefallen tun, indem du mir den Weg vorschreibst und keinen  anderen zulässt, den ich ja eh nicht gehen wolle. Ich dachte nicht, dass du Recht hast.
Zum Abschied hast du mir einen Stein gegeben und gesagt, das sei meiner, denn irgendwann müsse auch ich einmal das Werfen lernen. Du konntest nicht wissen, dass ich das nicht mehr lernen muss. Dass ich deinetwegen aufgehört habe zu werfen, als ich dir begegnete. Du konntest  nicht wissen, wie gut ich im Steinigen bin. Ich habe es dir nie gesagt. Ich habe dir immer nur gezeigt, wie gut ich ausweichen kann.
Wenn ich nun aufschrecke, weil ein böser Traum mich weckt, weil deine Hand sich der meinen nähert, nur, um im letzten Moment eine Wand aus Steinen auf mich zu stürzen und unter ihr zu begraben, dann drehe ich den letzten Stein in meiner Hand und frage mich, was ich mit ihm tun werde auf der anderen Seite, wo nicht nur der Himmel mein einziger Ausweg ist.

1 Kommentar

Tausend · 12. Februar 2017 um 0:30

Treffend und beklemmend zugleich, und trotzdem bleibt das Gefühl der Freiheit (das ich im Moment mehr als alles liebe). Ein guter Text.
Wie kann ich Dir eigentlich zurückschreiben? Ich habe letztes WE Eleanor Rigby gelesen und wollte mit Dir darüber plaudern, ich fand es echt gut, obwohl ich es erst weglegen wollte, weil es so depressing war, aber das habe ich mir dann nicht durchgehen lassen, und dann war es auch schon zu spät, weil ich es nämlich nicht mehr aus der Hand legen konnte. J.

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