Philosophisches

Nächstenliebe

Darum habe ich meine Nächsten lange Zeit gefürchtet, manchmal verachtet, zumeist missverstanden und auf keinen Fall lieben können. Weil es heißt: liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Es ist ein vergleichender Satz, der nicht einfach so daher kommt. Keiner, dessen Inhalt mit der gleichen Leichtigkeit ausgestattet ist, die seine verbale und grammatische Einfachheit vortäuscht.
Die Art, in der Religionsunterricht und Predigten diesen Satz in mein geistiges Blickfeld warfen, mit der sie alles Biblisch-Monumentale hervorbrachten, produzierte in mir ein Bild der Nächstenliebe, das sich vor Allem auf eine Säule gründete: Dass die Liebe zu sich selbst das Natürlichste der Welt sei. Denn es war ja aufgrund des gesamten Kontextes, in den sie diesen Satz betteten, ganz unmöglich, dass es anders sein konnte.

Wenn ich meinen Nächsten lieben soll, wie ich mich selbst liebe, dann muss ich mich notwendigerweise ja bereits selbst lieben. Wenn dieses Gesetz ein so natürliches, gesellschaftlich verpflichtendes und ein so uraltes sein konnte, wie es mir durch die Einfachheit seiner Worte und Verwendung vorkam, dann musste die Liebe zu sich selbst da sein, von vornherein und in jedem Menschen, ohne Übung also. Denn nie war mir in den diesen Satz umschließenden Texten eine Erläuterung begegnet dazu, wie ich die Liebe zu mir selbst finden, erlernen oder erhalten solle. Nirgends findet sich die klare Aufforderung: Liebe dich selbst!

Und wenn nicht? Wenn ich mich einfach nicht selbst liebe?

Oder, schlimmer noch, wenn ich mir diese Frage nie gestellt habe und die Antwort darum gar nicht kenne? Was, wenn mich auf der Straße jemand anhielte und einfach so die Frage an mich richtete, ob ich mich selbst liebe, und ich selbst nach langem Abwägen zugestehen müsste, dass ich es nicht weiß? Ich müsste es durchgehen, viel schlimmer noch, ich könnte an manchen Tagen vielleicht sehr schnell antworten und sagen: Natürlich nicht! Natürlich liebe ich mich nicht selbst. Tun Sie es denn? Tut das denn überhaupt jemand, sich selbst lieben? Sind wir nicht alle ein bisschen unzufrieden mit uns und unserem Leben?

Sicher, mag der ein oder andere einwenden, man würde sich ja immerhin mögen, müsse Abstriche machen. Es gäbe ja immer dieses oder jenes, was uns einfach nicht gefallen möchte an uns selbst. Die aufbrausende Art zum Beispiel, oder die Ungeduld. Der dicker werdende Bauch und die ersten grauen Strähnen. Von der Liebe abhalten jedoch dürfte uns das auf gar keinen Fall.

Warum ist es so unvorstellbar, so überaus selten und seltsam, dass jemand auf die Frage, ob er sich selbst liebe, enthusiastisch und voller Überzeugung ausruft: Ja, selbstverständlich! Selbstverständlich liebe ich mich über alles!

Viel weniger absolut und anstrengend ist darum die – etwas religionsbefreitere – Aufforderung: Was du nicht willst, das man dir tu, das füge keinem anderen zu.

Auf den ersten Blick ist es hier simpler, denn ich werde nicht aufgefordert zu einem sofortigen Blick nach innen. Ich kann außen und bei den anderen bleiben mit meiner Wahrnehmung. Ich muss nur schauen, was ich nicht will, das man mir tu. Auf den zweiten Blick muss die Frage entstehen, wer ist denn man? Bin das nicht je nach Blickwinkel auch ich selbst? Fordert also nicht auch dieses Dogma mich auf, zu schauen, wie ich selbst mich behandle, und es genauso auch mit all den anderen zu machen? Lautet die Aufforderung nicht noch viel radikaler, nur die anderen nicht so zu behandeln, wie ich es an mir selbst als schlecht empfände? Hier fehlt also sogar die Eigenliebe. Hier geht es lediglich und ausschließlich um die Reflexion zur Anwendung am Anderen. Das füg auch keinem anderen zu. Nur dem anderen nicht. Das auch kann ja immerhin ein rein rhetorisch füllender Weichmacher sein, schließt nicht notwendig ein auf das Vorherige bezogene und ein. Ich selbst bin aber kein anderer. Mir bin ich immer ich. Freilich kann das auch ein wenig mildernde Umstände bringen. Das füg auch keinem anderen zu. Diesen semantischen Strohhalm zu greifen bedeutet jedoch wenig an Gewicht, wenn wir dieses auch lediglich auf den Umstand beziehen, dass es um die gewünschte Behandlung des Selbst und, also auch, die Behandlung der anderen geht, lediglich ein Vergleich bekräftigt werden soll mit der Verbindung, die das Wörtchen auch in ihm schafft.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass diese Anschuldigungen der minderen Selbstliebe lediglich auf christlichen Werten beruhen, wie es die zugrunde liegenden Zitate vorschreiben. – In anderen Kulturkreisen (denn in diesem Zusammenhang muss von Kultur statt von Religion die Sprache sein) wäre das selbstredend ganz anders. Oder doch zumindest nicht ganz gleich.

Was ist es aber, das unsere Kultur dazu bringt, mehr auf das Wirken im Äußeren zu achten als auf das Wirken in uns selbst? Warum wundert es uns, dass wir so oberflächlich geworden sind, dass wir einander aufgrund unserer Hautfarbe beurteilen, dass wir eine Emanzipation der Geschlechter und der sexuellen Orientierung durchleben müssen? Warum nicken wir nicht wissend und traurig den Kopf schüttelnd, wenn wir das Wort zum Sonntag im Radio hören, und denken uns: Klar. Weil genau diese Werte uns geformt haben, müssen wir jetzt die klebrigen Resultate aus dem Weg räumen. Wir müssen uns freimachen von dem Vorwurf des Egoismus, wenn wir nach dem Feierabend in ein buddhistisches Zentrum gehen um zu meditieren, statt zur Armenspeisung in die Kirche. Wenn wir uns im Fitnessstudio bei der Formung unserer selbst wohler fühlen als beim Kaffeekränzchen mit der netten Nachbarin, und wenn wir lieber ein gutes Buch lesen statt uns bei Facebook über die Tierquälerei in unseren Straßen zu beschweren.

Warum sind wir nicht einfach mutig und in all diesen Alleingängen gut zu uns selbst? Wenigstens so lange und intensiv, dass wir wissen können, was es bedeutet sich selbst zu lieben. Wenigstens so eingehend, dass wir eine Ahnung davon haben, welche Art von Liebe wir denn unseren Nächsten eigentlich geben wollen und können. – Denn, wenn wir es nie versucht haben, wenn wir gar nicht wissen, was wir brauchen und wonach wir uns sehnen, … wie sollen wir dann ein ehrliches Lächeln geben können an jemanden, der uns völlig fremd ist, und der uns in einem Moment auf der Straße anspricht, in dem wir gerade daran dachten, wie einsam, unverstanden und ungeliebt wir uns fühlen?

Philosophisches

Freispruch

Jeder kennt sie, jeder hat sie, jeden drückt sie, jeder wünscht sich von ihr befreit, manche verwechseln sie mit Verantwortung, viele lassen sie sich überschreiben, die meisten übernehmen sie von anderen, kaum jemandem ist ihre Tragweite bewusst, jede Religion fängt mit ihr ihre Anhänger, niemand hat so viel von ihr verdient, wie er tatsächlich annimmt, und der großartige Stephen King ließ einmal eine seiner Figuren sagen: „Schuld hat immer der, der zu schwach ist sie abzulehnen.“

Ja, die Rede ist von der Schuld.

Sie umfänglich zu erörtern führte zu weit. Um in Kurzform zu verstehen, wie viel von ihr wir an uns haben, reicht ein kleiner Exkurs in die groben Angaben zu dem, was wir unsere Identität nennen. In meinem Fall sähen meine Eigenschaften und ihre entsprechenden Schuldanteile so aus:

Ich bin weiß, bin schuldig den Schwarzen gegenüber. Bin deutsch, schuldiger Nazi. Bin Frau, schuldige Emanze. Bin Germanistin, schuldige Korrekt-Sprecherin. Bin Studentin, schuldige Bildungsverfechterin. Bin Schwester, schuldige Zuhörerin. Bin Tochter, schuldige Anruferin. Bin Europäerin, schuldige Finanzkrislerin.

Nichts kann ich sein, ohne nicht in einer Schuld zu stehen. So wird es mir beigebracht, so werden wir erzogen, so war es bei unseren Eltern und Großeltern. Alles hat seine Ordnung. Wo kämen wir denn sonst auch hin?

Als wir auszogen, das Leben zu lernen, lernten wir zuerst das Fürchten: vor all den Verantwortungen, Pflichten und Schulden. Die meisten von uns vernachlässigten die ersten beiden, weil sie überfordert waren, und häuften dafür umso mehr an vom dritten. Was bei all dem unterging, war die Zeit darüber nachzudenken, warum wir einem System folgten, das wir nicht einmal selbständig anerkannt hatten. Wir waren vor lauter Pflichten einfach nur dankbar, dass es überhaupt ein System gab, nach dem wir leben konnten.

Aber irgendwann tritt Ruhe ein.

Irgendwann ist es soweit, und die gröbsten Lebenslinien sind gezeichnet. Der Kopf wird frei, wir sind Ende zwanzig, vielleicht dreißig Jahre alt, vielleicht ein bisschen älter, und wir fangen an uns zu fragen, wohin wir laufen und warum. Und wenn wir ganz viel Glück und Zeit und Geist haben – nur dann -, fragen wir uns, wer uns die Werte bestätigte, die man uns mitgab und denen wir folgten. Wir beginnen uns in der Welt umzusehen und Dinge zu entdecken wie, dass die Aborigines im Gegensatz zu uns von der Zukunft in die Vergangenheit leben, dass sie Traum und Wachen nicht unterscheiden, und dass sie uns belächeln, weil wir so kleingeistig sind. Liegen wir vielleicht falsch und sie nicht? Wir fragen uns, ob Blut wirklich dicker ist als Wasser, und warum die einzelnen Religionen glauben, Gott zu verstehen, und was wohl Gott davon hält.

Als Germanistin habe ich ein Kapitel der Bibel über zwei Sprachen hinweg rückwärts aus dem Englischen ins Aramäische übersetzt und am Ende eine Botschaft vorgefunden, die einfach nur ähnlich aber nicht die gleiche war wie die, die ich im Religionsunterricht gelernt hatte. Vielleicht ist das nicht wichtig. Vielleicht ist das nur Wortklauberei. Aber wenn jedes Wort unseres Lebensbuches ein bisschen anders ist, kann das nicht in der Gesamtheit zu einem komplett anderen Genre führen?

Was nicht neu ist, aber neu zutage tritt bei solchen Betrachtungen, ist die Aufgabe, sich im Leben zu entwickeln.

Wer dieses Wort genau betrachtet, braucht keine Definition und keine Abgrenzung zu dem Begriff des Veränderns. Wir entwickeln uns, wenn wir Glück haben und Verstand. Wenn uns ein Rest geblieben ist von der Verbindung zu unserem inneren Selbst, das wir vermutlich zuletzt kontaktierten, bevor wir lernten unsere Empfindungen in unserer Muttersprache hörbar für andere auszudrücken.

Was sich e n t w i c k e l t, ist im glücklichsten Fall ein Individuum (lateinisch: individuum ‚Unteilbares‘, ‚Einzelding‘), dessen Bedeutung all denen ein Unverständnis ist, die diesen Teil von sich nicht leben, weil sie in ihrer Verwickelung geblieben sind.

Ein Individuum, das, frisch aus dem Ei der gesellschaftlichen Verflechtungen gepellt, sich umschaut und verwundert die eigene Beschaffenheit zu begutachten beginnt. Denn wozu wir nie den Geist und die Zeit hatten, war, in den Spiegel zu schauen und wahrhaftig mit uns selbst zu sein. Was wir immer als Teil unserer selbst erkannten, war Teil der Gesellschaft, Teil des Elternhauses, Teil des Viertels, aus dem wir stammen, Teil der Hautfarbe, der wir angehören, Teil des Geschlechts, Teil des Kontinents, Teil der Sprache, Teil des …

und jetzt, wenn wir erkannt haben, dass es so war? Was ist jetzt?

Freispruch. Nichts. Vollkommenheit.

Alles ist möglich. Wir tragen keine Schuld mehr.

Denn wir sind nicht mehr zu schwach zum Ablehnen.