Erzählungen, Prosa

Bis auf den Grund

 

Ich sehe einen Teich:
Du
Stehst neben mir,
Wirfst Steine ins Wasser
– gedankenverloren -,
Während ich versuche,
Unsere Spiegelbilder zu erkennen.
Das erwartungsgemäße Klatschen beim Aufprall auf die Wasseroberfläche bleibt aus und lässt Raum für ein sattes Plumpsen, als ich zwischen zwei kleinen Vormittagswindwellen in die See tauche, anstatt über sie hinweg zu springen. Falsche Handhabung, fehlerhafte Form, Mangel an Konzentration: viele kleine unmerkliche Fehler lassen mich einer unachtsam nachlässigen Hand entgleiten und untergehen. Winzige hilflose Luftbläschen verkletten sich an meiner rauen Oberfläche und zappeln um Freiheit, aber meine Schwere zieht mich und meinen Luftkranz auf den sandigen Grund. Langsam kullere ich dort um Fischaugen herum, Algenarme streifen mich, und tiefsattes Blau lässt nur der lang ersehnten Stille widerwillig noch ein wenig Raum neben sich, als ich auf dieser neuen Ebene zur Ruhe komme. Auf der anderen Seite des blauen Vorhangs sind, für eine Weile nur, suchende Blicke zu erkennen, dann verschwinden auch sie (von einer zierlichen Hand fortgezogen) und ich gebe die letzten Luftblasen dankbar frei – ein kleiner Gruß an das andere Element.
Langsam gewöhne ich mich an den dunstigen Schleier um mich herum, bekomme ein wenig Klarheit in ihn. Zwischen Liegen und Kullern wird mein Anblick ab und an von einem Paar Fischaugen aufgefangen, manchmal streifen mich Flossen. Proportionen verschwimmen, Zeit und Raum verlieren jegliche Relation zueinander innerhalb meiner zweitönigen Existenz. Erinnerungen schwinden, ohne Lücken in meinem Bewusstsein zu hinterlassen, wohlklingendes blaues Rauschen und Säuseln umgibt mich, Strudel spielen miteinander an meiner Oberfläche, bevor sie glucksend weiter ziehen auf ihrer rastlosen Suche nach neuen Spielplätzen. Ich aber bleibe.
Einmal springt schrill tönendes Glas durch den Vorhang, stößt sich an mir und fällt zerbrochen an meine Seite. Noch immer wimmernd lässt es seine Reflexe schon bald den blauen Schleier durchschneiden, beißt sich durch den Dunst der Tiefe und buhlt bunt mit den silbern schillernden Schuppen der vorbeiziehenden Bitterlinge (Sie kümmern sich nicht um die farbigen Blitze.): Spiegeln – mehr hat es nicht gelernt auf der anderen Seite. Nichts sein außer Reflexion des Einfallenden. Der blaue Dunst lässt ihm wenig Ausbeute: Flossen, Scheren, Muscheln, Sand und Meinesgleichen. Reglos und stumm, immer wieder von Nebeln verhangen und Rauschen übertönt, versucht es gegen alle Widrigkeiten trotzend, seine ihm zuerkannte Funktion auszuüben und scheitert. Ich könnte Mitleid haben, aber als ich mich dazu entschließe, ist der Buhler bereits unwiderruflich unter einem Algenteppich verschwunden: Ich schenke ihm eine Minute und genieße die neuerliche Ruhe.
Ein Algenarm schmiegt sich wohlig an meine nun glatte Schwärze, umschmeichelt den matten Glanz meiner Oberfläche und zieht säuselnd an mir vorüber. Mit der Zeit verloren sich meine kantigen Konturen im sandigen Umfeld meiner neuen Gegenwart, schon lang zerreiß ich dem Seegras nicht mehr seine schlanken tastenden Finger. Auch die Strudel sind zurückhaltender geworden, gleiten sanft über mich hinweg oder grüßen von weitem. Manchmal begegnen mir noch Fischaugen, bleiben neugierig stehen und finden sich unverständlich in mir. Aber ich scheue sie nicht mehr und werfe ihnen die offenen Mäuler zurück in ihre große Sprachlosigkeit. Stumpf wie gekommen ziehen sie weiter, tragen ihr Bild halbseitig auf einer Flosse mit sich und verstehen doch nicht.
Nur ich bleibe, liege immer in meiner Gegenwart, lasse vorbei ziehen und sehe nach. Von meiner sandigen Warte zwischen tastenden Seegrasfingern, streifenden Algenarmen und glucksenden Strudeln blicke ich ab und an hinauf, meinem längst verjährten Luftkranz nach. Dann und wann hellt sich das Blau auf, wenn der Vorhang sich einmal öffnet; und ein großer Strudel wird mir folgen, wenn bald schon viele kleine unmerkliche Bewegungen mich in eine achtsam nach glattem Schwarz tastende Hand gleiten lassen. Es werden sich winzige hilflose Wassertropfen an meine Oberfläche heften und um Freiheit zappeln, aber meine Leichtigkeit wird mich und meinen Wasserkranz handlich nach oben heben lassen. Dort werde ich glänzend und geschliffen unter einem Himmelblau auf sandigem Grund liegen und erst, wenn die zuvor noch suchenden Blicke konzentriert auf meiner glatten Oberfläche ruhen, gebe ich die letzten glänzenden Tropfen dankbar frei – ein kleiner Gruß an das andere Element.
Erzählungen, Neuerscheinung, Prosa

Neuerscheinung „12 Sekunden“ erhält 1A – Rezension

Kaum drei Wochen ist mein Literatur-Baby alt, da hat sich die erste Bloggerin seiner angenommen und über „12 Sekunden“ eine Rezension verfasst. – Was soll ich groß sagen? Frau Merle Schatten lässt nichts offen und versteht es, zwischen den Zeilen genau das heraus zu lesen, was ich dort schrieb oder besser: eben nicht schrieb.

Wer vor dem Kauf einer neuen Lektüre also lieber auf Nummer sicher geht um nicht für die Altpapiertonne zu kaufen, dem seien diese Zeilen an’s Herz gelegt – der Klick auf das Bild bringt euch direkt zum Artikel:


Also dann: Frohes Schmökern!

Erzählungen, Prosa, Veranstaltungen

Kurzgeschichten voller Herz – „12 Sekunden“ jetzt im Handel

Knapp achtundvierzig Stunden später beugt er sich zu mir herab. Ich sitze auf der Dachterrasse, er legt seine Arme auf meine gekreuzten Beine, sieht mir in die Augen. Ich sollte wegsehen, aber ich möchte nicht. Ich habe Angst, dieser Moment der Nähe könnte niemals überboten werden. Er wendet sich und blickt meiner Freundin hinterher, die gerade geht, er sagt: „Du freust dich mich zu sehen. Das war bei unserer ersten Begegnung nicht so. Aber jetzt freust du dich.“ Er lächelt mich an. Ich bin schon wieder irritiert von seiner Direktheit, ich frage: „Welches erste Mal?“ Ich weiß nicht, ob er das Treffen in dem Straßencafé meint. Ich möchte, dass er das Gleiche meint wie ich. Er sagt: „Darum geht es nicht. Du freust dich mich zu sehen, du fühlst dich wohl in meiner Gegenwart.“ Ich bin nicht sicher, ob ich ihn wissen lassen möchte, dass er Recht hat, ich will ihn nicht wissen lassen, dass er bleiben soll. Seine Stimme klingt wieder einmal, als müsste ich antworten. Ich stocke, suche nach Sätzen, ich will unbedingt etwas sagen, das nicht im Schatten seiner Worte stehen bleiben muss, das sich trauen darf, ebenbürtige Daseinsberechtigung zu fordern, unwiderruflich.  […] – aus „12 Sekunden“, „12 Sekunden. Erzählungen“, Nicole Banik, BoD, April 2015

Es geht um Liebe, aber nicht nur. Das Leben, die Menschen, die uns über den Weg laufen, die Freundschaften, die wir hatten und oft noch mehr vermissen als die verflossenen Liebschaften – darum geht es. Und um die wenigen Sekunden, die nötig sind, um zwischen zwei Menschen etwas ganz Entscheidendes zu verändern.

Pünktlich zur Freiluft-Lese-Saison kommt hier die lockerleichte, den Feierabend auf der Sonnenliege versüßende Sommerlektüre für euch:

12 Sekunden, Erzählungen heißt meine brandneue Sammlung, die am 17.04.2015 erschien. Ihr erhaltet den Band überall, wo es Bücher gibt. Regionale Buchhandlungen, die einige Exemplare auf Lager haben, nenne ich euch, sobald mir eine Liste vorliegt.

Ich hoffe, ihr habt beim Lesen mindestens so viel Spaß wie ich beim Schreiben!

Wer mich aus diesem und anderen meiner (teils noch unveröffentlichten) Bücher lesen hören möchte, der ist herzlich eingeladen zu meinen

                                   
Lesungen am
09. Mai 201515 Uhr
auf dem KulturNatur Gaarden Kleingartenfestival im Garten 48 bei Ingo und Susanne
Pläne hängen vor Ort im Gelände des Kleingartenvereins Gaarden Süd e.V.
und
31. Mai 2015 – 16 Uhr  

ebenfalls auf dem Gelände des Kleingartenvereins Gaarden Süd e.V.
im Garten Bielenbergkoppel 5/ 94 bei Thorsten Bergunde
Selbstredend ist auch jeder zu den Haiku-Workshops eingeladen, die ich an beiden Tagen um jeweils 14Uhr abhalten werde, oder zu den zahlreichen anderen Veranstaltungen an diesen beiden Wochenenden.
Ich freu mich auf euch!
Erzählungen, Prosa

Aufwachen und … ?

Hast du heut Nacht hinaus geschaut?

Dunkel ist es und kalt und stürmisch und unwirtlich. Warst du dort draußen?

Ich habe so viele Menschen gehen sehen, mit hochgezogenem Mantelkragen und dem Schal fest in ihren Händen.

An den Bushaltestellen standen und froren sie. Weit auseinander, manche ungeschützt neben den Häuschen frierend, um den Fremden nicht zu nahe zu sein.

Warum sie das tun? Sie fürchten sich; mehr vor Ihresgleichen als vor dem eisigen Wind, der sie ihre Gesundheit und ihr körperliches Wohlbefinden kosten kann. Sie trauen ihnen nicht, den fremden Blicken, nicht einmal einem Lächeln schenken sie Zutrauen, bleiben draußen, in der Kälte.

Dumm vielleicht, zugegeben. Was sollte ihnen denn schon passieren?

Vor ein paar Tagen habe ich in einer warmen Stube gesessen. Ich habe lächelnde Menschen gesehen. Sie saßen mir nah auf den Sofas, den Stühlen, dem Fußboden, sie lachten miteinander für den Moment oder über etwas Entferntes, das sie Freude empfinden ließ.

Ob sie einander vertrauten? Die meisten unter ihnen kannten sich nicht gut genug, um das beurteilen zu können. In Wirklichkeit aber dachten sie nicht darüber nach, weil ihnen warm war und der Wind nicht durch die Fenster zu ihnen hinein konnte.

Gespräche drangen aus allen Ecken des Raumes an meine Ohren, eines zog mich und galt mir.

Als ich über die Schwelle aus der warmen Stube trat, fielen die letzten gehörten Worte aus meinem Bewusstsein auf den Treppenabsatz und ein kalter Schauer schlich mir den Hinterkopf hinauf. Ihm voran eilte ich in den Winterwind: Ich wollte nicht spüren, wie das Erzittern mein Wohlbefinden mit sich nahm. Die Haut voll Eis rannte ich, wohlwissend,

dass nicht einmal die unwirtliche Nacht mich vor dem Andenken der warmen Stube noch retten konnte:

Am Morgen würde ich dennoch aufwachen und krank sein.

Erzählungen, Prosa

Der Schlüssel

Himmel, wie langweilig es manchmal in meinem Kopf ist. Nicht auszuhalten da drin zu sitzen und die Blicke an nackten, kalten, aalglatten Wänden abgleiten lassen zu müssen.

Wenigstens einen einzigen greifbaren Gedanken möchte ich heute produzieren. Mein rechter, rechter Platz ist leer, ich wünsche mir einen Gedanken her. – Stop, halt! War das einer? Nein, Fehlalarm.

Und wenn ich ihn borstig und stachelig gestalte, damit er mir besser auffällt und nicht so leicht wieder davon kommt – so etwas Seltenes kann man ja nicht einfach wieder abhauen lassen. – ? Irgendwie haarig, klebrig, ekelhaft glibberig und schleimig, anhaftend, widerspenstig, fusselig, fasernd, pieksend, stechend, schmerzend, … – nee, dann hab ich keine Lust auf ihn. Dann lass ich ihn lieber ungedacht vorbeiziehen, als hätte ich ihn gar nicht bemerkt. Also anders.

Wie müsste der perfekte Gedanke sein? Der, den ich sofort an mich ziehen und fest umarmen, umklammern, an mich reißen förmlich, an mich drücken, knuddeln, mitnehmen und nie wieder hergeben würde? Rot vielleicht. Nein, zu aggressiv, rosa ist sanfter. Aber zu sehr Mädchen. Vielleicht lieber eine Form statt einer Farbe?

Hm.



Ich wünsche mir … etwas Schönes. Großes. Mit einem Lächeln, das ansteckend ist. Ja, ich möchte, dass meine Augen strahlen. Und warm muss er sein, der Gedanke. Auf keinen Fall mit scharfen Kanten. Wobei ein bisschen eckige Grübelei schon vorausgesetzt werden darf. Und ich möchte ihn wieder holen können, wann ich will. Und wiederholen, so oft ich kann. Bunt und melodisch mag ich es auch gern. Auf gar keinen Fall darf Licht fehlen, das ist beinahe am wichtigsten, dass es hell und strahlend wird, wenn ich ihn denke.

Ja, ich glaub, das ist er, der Wunschgedanke. Und jetzt, wie komme ich dran, an meinen Wunsch? Wie hole ich ihn mir in meinen Kopf und womit kann ich ihn auslösen?

Hach.

So über’s Grübeln

hör ich den Schlüssel im Schloss,

und du kommst herein.

Mir wird warm, als du lächelst.

Wie ansteckend das doch ist!

Erzählungen, Prosa

Bauchgefühle (oder: Das Dorf)

Hinter einem Erdwall schaut das bis auf den Schädel zurückgezogene Gesicht eines Libers mit frei liegenden, starren Augäpfeln hervor. Amita schüttelt sich angewidert und grinst ihm höhnisch zu, bevor sie mit wenigen Sprüngen über die kippelnden Felsbrocken durch den Bach an das gegenüberliegende Ufer hoppst. Der Liber lässt den Kopf enttäuscht fallen, vergisst sofort, was gewesen ist, und kriecht durch den Schlamm weiter auf der Suche nach irgendetwas. Niemand im Dorf weiß, wonach Liber suchen.

Amita hat vor den Libern keine Angst. Sie hat überhaupt niemals Angst. Seit sie bei ihrer Geburt wegen des schweren Erdbebens, das beinahe ihr gesamtes Dorf zerstörte, nicht dem Heiligen Angsteinflößer, kurz Aef, zum Geburtsschrei hingehalten werden konnte wie alle anderen – vernünftigen, normalen – Kinder des Sumpflandes, hat Amita keine Angst. Das ist simpel und hat ihr beinahe täglich das Leben erschwert und sie zum Außenseiter gemacht. Man hat in der Dorfrunde unendlich viele Diskussionen darüber geführt, ob Amita dem Heiligen Aef noch nachträglich gezeigt werden sollte. Die Meinungen darüber, ob das dann aber auch den erwünschten Sinn habe, gingen allerdings so weit auseinander, dass man begann darüber zu streiten, wer diese Tradition für Neugeborene eigentlich ins Leben gerufen hatte, und warum und wann und wofür überhaupt. Die an den Versammlungen hierfür beteiligten Dorfmitglieder hatten sich bis auf’s Blut gezankt. Niemand konnte irgendetwas nachweisen, keiner war alt genug um sich an eine Zeit vor der Aef-Tradition zu erinnern, und geschrieben stand darüber selbstverständlich auch nichts, weil es im Sumpfland verboten war, Regeln, die etwas mit Angst zu tun haben, aufzuschreiben. Natürlich weiß auch hierbei niemand, warum und seit wann das so ist. Es hat ja keiner aufgeschrieben.

Amita hat sich darum in ihren bisherigen acht Lebensjahren nicht geschert. Sie weiß, dass die Zweiteilung des Dorfes, die eine notwendige Konsequenz aus dem Regel-Streit gewesen ist, ihr zulasten gelegt wird, aber es kümmert sie nicht. Denn trotzdem ihre Mutter eine vernünftige und sittsame Dorfbewohnerin ist, hat sie Amita immer wieder dazu angehalten, nicht allzuviel auf das Gerede der Leute zu geben. Dabei hat Amita in den Augen ihrer Mutter oft genug deren eigene Angst vor diesem seltsam furchtlosen Kind gesehen und sich dabei nicht weniger ausgestoßen gefühlt als unter den verachtenden Blicken der anderen Menschen.

Nun soll damit endlich Schluss sein. Nie wieder will sie sich so ansehen lassen, nie wieder sich schämen müssen für das, was sie fühlt. Amita rennt weiter im Zickzack zwischen den faulenden Baumstümpfen und blubbernden Faultümpeln hindurch und gerät dabei kaum außer Atem. Sie ist in Übung. Ihre Wut und ihre Verzweiflung hat sie sich oft hier draußen von der Seele gerannt, indem sie so tat, als würde sie das Sumpfland verlassen und fliehen. Nun bleibt sie kurz stehen und verschafft sich einen Überblick über die Lage. Sie dürfte inzwischen außer Hörweite des Dorfes sein und sie muss sich keine Gedanken machen, dass sich auch nur ein einziger der Dorfbewohner hier heraus trauen würde. Schon gar nicht jetzt, vor dem vierteljährlichen Massakfest. Amita schaudert es bei dem bloßen Gedanken an die Feiertagsprozedur und die in Angststarre auf dem Mittelplatz stehende Dorfbevölkerung.

Ein bisschen muss das Mädchen grinsen, als es sich vorstellt, wie das Dorfoberhaupt wütend und angstverzerrt zugleich am Dorfrand steht, unfähig, auch nur irgendetwas gegen Amitas Fortlaufen zu unternehmen. Noch nie hat sich jemand so weit und freiwilllig aus dem Dorf heraus getraut. Aber es gab auch noch nie jemanden wie Amita, ohne Furcht.

Sie setzt sich auf einen Felsbrocken und wühlt nachdenklich mit ihren Stiefelspitzen im pampigen, feuchten Moos. Schräg vor ihr knistert es. Ein Hase mit einem halb abgerissenen Löffel und blutiger Blume springt hinter einem Baumstumpf hervor und schaut sie an. Er bleckt kurz die Zähne, schnuppert, und hoppelt weiter. Amita seufzt. Wieso ist nur alles so in diesem Land? Und kann das überhaupt jemand wissen, dass alles so ist, wenn nie jemand den Mut aufbrachte das Dorf weiter als bis auf fünfundzwanzig Armlängen zu verlassen? Schon immer hat Amita gefühlt, dass es weiter draußen etwas Anderes geben muss. Etwas, das nicht unbedingt dazu führt, sich vor Angst die Haare zu raufen oder die Fingernägel in die aus Leder gefertigten Furchtriemen zu krallen.

Und sie hat dieses andere Etwas schon ein paar Mal beinahe gefunden. Manchmal erwischte der Dorfälteste sie dabei, wie sie mit einem nicht ganz so verwahrlosten Kaninchen oder Eichhörnchen am Dorfrand spielte. Im Dorf heißt es ganz allgemein, dass diese Tiere aufgrund einer Krankheit nicht ganz so angefressen und entstellt sind wie die anderen Tiere. Dass sie sich irgendwo weit weg mit etwas angesteckt haben. Amita hat nie daran geglaubt und sich zudem noch sonderbar hingezogen gefühlt zu allem, was nicht ganz dem verrotteten Alltag entsprach. Und heute morgen ist es dann passiert: Sie hat etwas empfunden, das ihr ein ähnlich lautes Geräusch wie einen Angstschrei entlocken wollte. Sie erinnerte sich, dass ihr als kleines Kind, wenn sie mit ihrer Mutter allein in der Hütte war, ähnliches passiert war. Und sie erinnerte sich an die Hand ihrer Mutter auf ihrem Mund und an die vor Schreck aufgerissenen Augen, mit denen sie gewartet hatte, ob jemand Amita gehört hatte und kommen würde. Aber es kam nie jemand. – Nicht nur deswegen konnte es sich bei diesem Gefühlsausbruch unmöglich um Angst handeln, obwohl es die Mundwinkel und den Bereich um die Augen ähnlich verzerrte, und es ein ziehendes Gefühl in der Magengegend auslöste. Und heute morgen hatte es ihr dann tatsächlich ein leichtes Glucksen entlockt. Sie hatte sich schnell, aber zu spät auf den Mund gefasst um weitere Geräusche zu unterdrücken. Aber unweit von ihr am Bach waren zwei Frauen, die gerade Wasser holten, bereits aufgeschreckt. In aller Panik liefen sie kreischend davon und meldeten es dem Ältesten.

Er kam sofort. Er forderte Amita vor ihrer Mutter und den beiden Frauen dazu auf, diesen bedrohlichen Gefühlsausbruch zu wiederholen, der nur eine Ansteckung mit der bekannten Krankheit bedeuten konnte. Aber es gelang ihr bei größter Anstrengung nicht, in Anwesenheit des brüllenden Ältesten und der vor Sorge wimmernden Mutter dieses Gefühl in sich zu finden. Der Älteste drohte ihr an, sie aus dem Dorf zu jagen, würde er nur ein einziges Mal noch ein solches Geräusch von Amita vernehmen. Sie hatte daraufhin trotzig beschlossen, das ganz allein zu erledigen und sich noch weiter vom Dorf zurückgezogen als jemals zuvor. So war sie immer weiter in die Sümpfe vorgedrungen ohne auch nur ein einziges Mal auf eines der berüchtigten Monster zu stoßen, die hier draußen überall in den stinkenden Moorwiesen wohnen sollten. Ihr war eingetrichtert worden, hier draußen sei man allein, ohne Nahrung und eine Möglichkeit des Unterschlupfes. Es hieß, hier draußen seien nur Ausgestoßene und man würde dann so verrückt werden wie sie. Amitas Flucht ist nun schon Stunden her. Und je weiter sie geht, desto weniger glaubt sie von dem, was sie in ihrem Dorf gelernt hat. Sie fühlt sich freier und leichter. Es ist fast so, als ließe sie die gesammelte Angst aller anderen hinter sich zurück und würde mit jedem Schritt dem ungewohnten, aufregenden Gefühl näher kommen, das sie am Vormittag verspürte.

Manchmal begegnen ihr noch vereinzelt die Gesichter. Im Dorf nennt man die entstellten Menschen so, weil der Anblick ihres entstellten Gesichtes ein solches Entsetzen hervorruft, dass es unmöglich ist, den Blick weiterwandern zu lassen und den Rest ihres Körpers anzusehen. Also nennt man sie schlicht Gesichter. Man erzählt sich, dass es sich dabei um Verirrte handelt, sogenannte Abtrünnige, die es gewagt haben eine Welt außerhalb des Sumpflandes zu suchen, und die in Folge der Berührung mit zu vielen verseuchten Pflanzen und Tieren außerhalb des Dorfschutzes erkrankten. Amita glaubte immer, dass das Unsinn ist. Zwar sprechen die Gesichter nicht, sondern geben nur angstvolles Wimmern von sich oder grauenhaftes böses Heulen und Zähnefletschen, aber sie selbst ist ja inzwischen schon oft genug hier draußen gewesen und hat kein bisschen begonnen sich in einen von ihnen zu verwandeln. Was die anderen sagen, kann also kaum wahr sein. Tatsächlich fällt Amita, als sie nach einer kurzen Pause weitergeht, etwas Anderes auf: Die Entstellungen der Gesichter, Tiere und Pflanzen scheinen immer weiter abzunehmen. Nur jeder dritte Hase ist blutig, bei den anderen muss Amita lange hinsehen, bevor sie sieht, dass die Tiere nicht ganz gesund sind. Fast kommt es ihr vor, als läge das an der immer größeren Entfernung zum Dorf.

Als sie bereits einige Stunden gelaufen, dann gegangen und zuletzt interessiert und staunend um sich blickend geschlendert ist, fällt Amita sogar auf, dass sie schon seit einiger Zeit nichts Fauliges mehr gerochen hat. Der Boden unter ihren Füßen ist fest und kein bisschen moorig. Auch die Bäume um sie herum haben nicht den üblichen graubraunen Blätterton. Sie sind aber auch nicht mit krankhaften grünen Flecken übersät so wie die Bäume auf dem Weg, der hinter ihr liegt, oder manche Sträucher in der Nähe des Dorfes. Diese Bäume hier glänzen mit grünen Blättern und riechen wie … etwas, das Amita noch nie in ihrem Leben gerochen hat. Auf dem Boden haben einige ebenfalls grüne Gräser seltsame bunte Auswüchse auf dicken Halmen. Als Amita sich herabbeugt um sie sich genauer anzusehen, zuckt sie erschrocken zurück vor einem süßlichen Geruch, dem die gewohnte Note der Verwesung fehlt. Das ist nicht unangenehm, ganz im Gegenteil. Amita geht weiter und tritt unter den Bäumen hervor. So etwas wie das hier hat sie noch nie gesehen. Überall sind grüne Pflanzen mit bunten Köpfen, die süßlich duften, und bunte Köpfe ohne Pflanzenhalme flattern unruhig um sie herum, als wären sie lebendig, und docken mit schwarzen Halmen an die Pflanzenköpfe an. Von weit her dringt ein seltsames Geräusch an Amitas Ohren, ähnlich dem, das sie früher als Kind manchmal aus Versehen machte und nicht machen durfte. Sie kann gegen die grelle Sonne, die sie nie zuvor ohne dunstigen Nebel als Schutz gesehen hat, kaum mehr erknennen als ein paar Bewegungen.

Ein Schatten löst sich daraus, kommt auf sie zu und wird immer größer. Amita kann sich zum ersten Mal in ihrem Leben vor Schreck nicht bewegen. Direkt vor ihr bleibt das Etwas stehen und ragt nun eine ganze Kopflänge über sie hinaus. „Wer bist du?“ fragt es mit der Stimme eines Jungen. Die Sonne wird von seinem Kopf verdeckt und Amita kann ihn nun erkennen. Er ist überhaupt nicht schmutzig, riecht nach gar nichts und steht kerzengrade, als hätte er sich noch nie in Furcht vor jemandem ducken müssen. Amita kann vor Staunen kein Wort sprechen. Sie macht ein Gesicht wie ein Liber. „Du kommst doch nicht etwa aus dem Wald da?“ Der Junge zeigt in die Richtung, aus der Amita gekommen ist. „Du bist doch nicht eine Verrückte aus dem Dorf der Sekte? Die sollen ganz seltsam sein.“ sagt er und rümpft die Nase. „Mein Vater sagt, da wohnen einige von denen schon ihr ganzes Leben lang, und lassen sich von einem bekloppten und cholerischen Irren gefangenhalten, der glaubt, dass er ein Gott ist, oder so. Die sollen nicht ein einziges Mal in ihrem Leben da raus gekommen sein um etwas Anderes zu sehen, weil sie eine riesige Angst vor dem Kerl haben. Kannst du das glauben?“ Amita schüttelt mit großen Augen den Kopf, während der Junge einfach weiterredet: „Man sagt sich, er würde gruselige Masken um das Sektendorf aufstellen und dafür sorgen, dass es spukt. Sie nennen ihren Anführer den Heiligen Angsteinflößer. Einige von ihnen haben den Anführer noch nie gesehen. Ist sicher auch schwierig, so selten, wie er selbst da ist. Meistens führt er hier draußen ein stinkreiches Leben und schickt jemand anderen rein mit einer Maske, oder so. Und seine Untertanen bleiben da drinnen und trauen sich nicht raus. Ha! Dabei ist das normale Leben nur ein Stückchen weiter hinter dem Waldrand.“ Der Junge gibt wieder dieses laute Geräusch von sich, es klingt beinahe bellend. Amita dreht sich instinktiv um und schaut, ob jemand kommt. „Was’n? Hast du noch nie jemanden über diese Irren lachen hören?“ der Junge lacht noch einmal. „Also, was ist nun?“ fragt er dann mit einem prüfenden Blick. „Bist du nun aus dem Wald und eine von den irren Angsthasen, oder bist du eine von uns hier draußen, die vor niemandem Angst haben, hm?“

Amita schaut zu ihm hoch und überlegt nur einen kleinen Moment lang. „Keine Irre.“ sagt sie dann mit fester Stimme und lässt das Gefühl in ihrem Bauch zu, das sich kribbelnd empor windet, als der Junge bei dieser Antwort breit grinst. „Na also,“ sagt er. „Siehst auch nicht nach einem Angsthasen aus. Dann komm mit, ich stell dir meine Freunde vor!“ ruft er, klopft ihr auf die Schulter und lacht sie noch einmal an. Amita grinst verlegen zurück. Erst ein kleines bisschen zum Üben, dann immer breiter. Und schließlich lacht sie laut und herzhaft. Einfach so. Weil sie frei ist. Weil es Spaß macht. Weil die Sonne so schön scheint und auf der Nase kitzelt. Und zum allerersten Mal weiß sie, dass dieses Gefühl in ihrem Bauch vollkommen normal ist.

Erzählungen, Prosa

Speed-Splitter, Moonwalker und Evergreens

Wir alle kennen sie. Die meisten von uns versuchen sie zu meiden. Beinahe jeder von uns ist einer von ihnen. Aber was haben diese drei wunderschön in neu-englisch-deutscher Sprache formulierten Begriffe miteinander zu tun, und was bezeichnen sie?

Es geht um Trennungen, und zwar genauer gesagt um Trennungen von zwei Menschen, die noch vor kurzem oder langem für kurz oder lang glaubten, dass es niemals oder eben doch zu einer solchen zwischen ihnen kommen würde. Zwischen ihnen? Zwischen ihnen gibt es dann nichts mehr, denn genau darum geht es bei einer Trennung, auch ‘Split’ genannt.

Die verschiedenen Arten von Splits lassen sich am besten beschreiben, indem man die Menschen, die sich trennen, in Handlungs-Kategorien unterteilt. Unabhängige Instanzen haben anhand von Recherchen in Form von Umfragen und eigenen Erfahrungswerten nach ausgiebigen Studien drei Oberkategorien erarbeitet. Ich möchte Sie Ihnen an dieser Stelle vorstellen. Zum Einen, um dieses Wissen unter Ihnen meinen Lesern zu verbreiten, zum Anderen, um Sie vor jeder dieser drei Trennungs-Kategorien für die Zukunft zu bewahren, sei es in passiver oder aktiver Rolle. Kommen wir also zu der ersten Kategorie von ‘Trennungs-Mensch’, dem

Speed-Splitter:

Der Speed-Splitter ist dem Namen nach der ästhetisch-nihilistischen Speed-Dating-Mode anhängig und ebenso unromantisch veranlagt, wie die ihn umfassende Kaltgefühlmodernität es von ihm verlangt.

Vorteil:
Selbst für Rudimentär-Romantiker wenigstens auf den zweiten Blick zu erkennen.

Nachteil: Bei zweitem Blick meist schon getrennt.

Typische Aussage: „Ich ruf dich an.“

Methode: Der Speed-Splitter liebt das Verliebtsein. Aus Angst, dieses Gefühl zu verlieren, wird er sich so schnell, wie er in das Leben eines anderen Menschen getreten ist, auch wieder aus diesem entziehen. Nach romantischen Treffen und Umgarnungen macht er sich aus dem Staub, ohne davon seinem derzeitigen Partner etwas zu erzählen. In den Studien blieb offen, ob der Speed-Splitter an sich eine Trennung überhaupt als solche empfindet. Klassisch ist nämlich das nachträgliche Leugnen einer Beziehung. Es wird trotz aller soziologisch anerkannten Rituale und verbalen Beteuerungen einer solchen nachträglich überwiegend von ‘nicht ernstem Daten’ gesprochen.

Einziger Tipp: Nicht ernst nehmen und abhaken!

Moonwalker:

Wie bereits sein Name vermuten lässt, bewegt sich der Moonwalker vermeintlich vorwärts in Richtung Zweisamkeit, während er im eigentlichen Sinn das Weite sucht. Erkennbar ist er an hedonistisch-anarchistischen Verhaltensmustern und a-sozialen Umgangsformen.

Vorteil:

Nachteil: Meist psychologisch geschickt.

Typische Aussage: „Ich brauche mehr Freiraum.“

Methode: Der Moonwalker liebt die Aufmerksamkeit und das Begehrt-Werden zu sehr, um sich dauerhaft an eine Person zu binden, allerdings auch die echte, tiefe Zuneigung so sehr, dass er eine gewisse Bindung zulassen muss. Seine Beziehungen dauern meist zwischen einem Jahr und ganzen fünf Jahren an. Der Moonwalker hasst Trennungen und Trennungsschmerz, den er selbst durchaus empfindet. Es besteht im Gegensatz zu den anderen beiden Typen daher die Chance ihn zu binden, wenn genügend Freiraum und Abwechslung geboten wird, so dass er sich ‘wie in einer neuen Beziehung’ fühlt. Klassischer Weise entzieht er sich in den meisten Fällen unmerklich und trennt sich langsam in der Absicht, den Beziehungspartner erst in letzter Instanz davon wissen zu lassen.

Einziger Tipp: Bei der kleinsten Veränderung aufmerksam sein!

Evergreen:

Den Evergreen wird im Gegensatz zum Speed-Splitter nie jemand vergessen, der einmal seine Methoden kennen lernen durfte. Er ist nostalgisch-emotional, ästhetisch aufgeblasen und soziologisch schwer tragbar. – Darum auch ‘Wadenbeißer’, ‘Hüftgürtel’ oder ‘Klammerbeutel’ genannt.

Vorteil: Für andere Evergreens der perfekte Partner!

Nachteil: Ab einem individuell schwankenden Limit für alle Zeit beziehungs- und in schweren Fällen bisweilen gesellschafts-unfähig.

Typische Aussage: „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, aber lass es uns versuchen.“

Methode: Der Evergreen ist gerne zu zweit und dies sowohl innig als auch dauernd. Über diesen Umständen ‘vergisst’ er darum zeitweilig, dass sein Gegenpart und die Beziehung an sich gewisse Ansprüche erheben und erfüllt haben müssen. Selbst bei größtmöglichen Diskrepanzen zwischen den jeweiligen Partnern haben die Fallstudien gezeigt, dass ein Festhalten an der Beziehung mit allen Mitteln und teils widersprüchlichen Argumenten forciert wird. Eine Trennung als solche ist daher bei Evergreens nur schwer zu datieren. Der Betreffende schwankt oft, extrem und über lange Zeiträume hinweg, bis sich ein Split in seinem sozialen Umfeld nicht mehr leugnen lässt.

Einziger Tipp: Selbst trennen!