Sophia

Sophia seufzte. Wir saßen in unserer gemeinsamen Küche, die wir gestern zusammen mit dem Rest der Wohnung in einem Anfall von Reinlichkeit grundgesäubert hatten, und freuten uns über unser blitzendes Heim. Sophia schaute aus dem Fenster, ich schaute Sophia an. Ihre großen, braunen Augen spiegelten wie so oft nichts Äußeres wider, weil zu vieles hinter ihnen vorging.

Seit wir zusammen wohnten, konnte ich die Gedanken hinter diesen Augen manchmal auch ohne Worte einschätzen. Sie sahen an mir vorbei in den engen Hinterhof, und Sophia sagte: „Mein Wochenende war die Hölle, und ich habe mich mit Tim gestritten.“ Ich sagte nichts. Ich sage nie etwas, wenn Sophia beginnt, über ihre Gefühle zu sprechen. Sie braucht dafür Anlaufzeit, und wenn sie soweit ist, habe ich schon Tage zuvor an ihrem Blick gesehen, dass es zu einem Gespräch kommen wird. Dann sind als Auslöser nur ein gemeinsamer Abend in der Küche und zwei Tassen Tee nötig. Manchmal reichen aber auch einfach mein Schweigen und ihr Bedürfnis zu reden.

Manchmal bin ich nur zufällig der nächste Mensch in ihrer Nähe, wenn sie sprechen will. Ich weiß das. Auch das mit Tim wusste ich bereits. Als Sophia ihm eine zweite Chance gab, sah ich ihn danach zwei Tage und Nächte lang bei uns ein- und ausgehen, bevor sie auf dem Weg in die Stadt zu mir sagte: „Tim und ich haben beschlossen, es noch einmal miteinander zu versuchen.“ Ich tat nicht überrascht. Ich hatte nicht übersehen, dass seine Schuhe dort standen, wo meine hingehören, und dass seine Zahnbürste in der Nacht zuvor in meinem Becher steckte. Ich hatte sie angeekelt in ihren umgetopft, nachdem ich sie eine Weile zögernd über dem Mülleimer hatte schaukeln lassen.

Ich bin zu nett. Aber das alles sagte ich nicht. Ich nickte nur und wartete, dass sie mir die Details erzählte. Sophia war gerade erst von einer Reise wieder gekommen, wie ich sie schon seit Jahren zu machen vorgehabt hatte. Nicht an denselben Ort, aber in der gleichen Art und Weise. Sie wusste nicht, dass ich das wollte. Ich war beeindruckt gewesen, als sie mir von ihrem Vorhaben erzählte, und neidisch, dass das Leben ihr den Mut gab, den ich nicht hatte. Ich war froh, dass es Menschen gab, die einfach losgingen. Ich kann das nicht, keinen Plan haben. Ich habe genau den gleichen Stock im Hintern wie all die anderen, die ich deshalb verachte. Sophia hielt ich für mutig, für freier, als ich es war. Das war einer der vielen gefühlten Unterschiede zwischen uns. Wir hatten praktisch nichts gemeinsam bis auf die Hausadresse und die Haarfarbe. Zwanzig Monate lang.

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