Was ist ein Haiku?

Die Definition einer strittigen Gedichtform

Das Haiku (oder auch ‚der Haiku‘) ist eine Gedichtform, die vor rund 700 Jahren in Japan entstand. Heute ist es auf der ganzen Welt bekannt und wohl so beliebt wie nie zuvor. Mit gerade einmal drei Zeilen ist das Haiku die kürzeste Gedichtform der Welt. Moderne Versionen kommen manchmal sogar mit nur einer Zeile aus.

Struktur des japanischen Kurzgedichts

Traditionell enthält ein Haiku 17 Moren – das sind japanische Lauteinheiten -, die auf drei Zeilen nach dem Prinzip 5-7-5 verteilt werden. Viele europäische Haiku enthalten weniger Silben als Moren, nämlich 10-14, da dies ungefähr 17 Moren entspricht. Die in den Gedichten verwendete Sprache ist vorrangig konkret, prägnant und kurz. Moderne europäische, aber auch japanische, Haiku halten sich nicht mehr unbedingt an die traditionelle Form, sondern lösen sie in ein oder zwei Zeilen auf. 

Inhaltlicher Aufbau eines Haikus

Inhaltlich greifen klassische Haiku (Plural auch: Haikus) einen besonderen Moment oder eine Situation aus der Natur auf und nutzen sie als Symbol für Emotionen und als Spiegel der Seele.

Japanische Haiku bezogen sich ursprünglich auf die Jahreszeiten, wobei allseits bekannte Schlagwörter (Kigo* genannt) der jeweiligen Jahreszeit eingesetzt wurden, um entsprechende Gefühle zu wecken. – Ähnlich der Tradition mittelalterlicher europäischer Dichtkünste, in denen beispielsweise die weiße Taube für die Jungfrau Maria stand, oder seit dem Karrenberger der Falke für einen geliebten Mann.

Heutzutage wendet sich das japanische Gedicht besonders in den USA und Europa gern ab von der inhaltlichen Bindung an reine Naturbeobachtungen, beziehungsweise weitet den Begriff der Natur aus: Dies ergibt sich automatisch dadurch, dass die Natur des modernen Menschen aus Stadtumgebung besteht und nicht mehr nur von ländlichem Leben geprägt ist.

Das Haiku fordert dazu auf, in die eigene psychische Tiefe zu blicken. Emotionen werden zum präzisen Betrachtungsgegenstand gemacht. Dennoch fordert die Gedichtkürze zu metaphorischen, poetischen, symbolischen und implizierenden Formulierungen auf. Ausschweifende, theatralische Gefühlsausbrüche, wie wir sie aus der europäischen klassischen Lyrik kennen, sind in der Struktur des Haikus weder möglich noch gewollt.

Allen Haiku ist gemein, dass sie erst durch Mitwirken des Lesers ihre Vollständigkeit erfahren, da sie dazu gedacht sind, Träume anzuregen, Erinnerungen zu wecken und in ihrem Rezipienten zu wirken.

 

*japanisch für Jahreszeitenwort: spezielle Wörter oder Phrasen, die in Japan allgemein mit einer bestimmten Jahreszeit in Verbindung gebracht werden.